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Verschneite Gleise in Hannover. Die Deutsche Bahn hat aufgrund des Sturmes mit Verspätungen zu kämpfen. Häufig sind die Gründe aber auch selbstgemacht.

Leitartikel

Stürmische Zeiten für die Deutsche Bahn

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Die Bundesregierung tut gut daran, den Druck auf die Bahn-Führung aufrecht zu erhalten. Sie muss aber auch die Mittel bereitstellen.

Noch brütet die Deutsche Bahn über einem Zukunftskonzept für besseren Service, mehr Zuverlässigkeit und Mobilität auf der Schiene. Noch weiß niemand, wo die notwendigen Milliarden-Mittel dafür herkommen sollen. Noch sind keine Entscheidungen gefallen. Weder hat der Aufsichtsrat bereits eine Strategie verabschiedet noch der Bundestag zusätzliche Mittel aus dem Steuertopf beschlossen.

Die bei vielen Bahngipfeln angekündigten Weichenstellungen für die Zukunft der Mobilität auf der Schiene lassen – genauso wie häufig die Bahn – auf sich warten. Jetzt soll der März zu einem entscheidenden Monat werden.

Die Bahn macht den zweiten Schritt vor dem ersten, wenn sie nun eine Generalüberholung ihrer Pünktlichkeitsstatistik ankündigt. Zu Recht werden Vorwürfe des Schönrechnens und der Trickserei gegen die Konzernspitze laut. Deren Vorgehen wirkt wie ein Ablenkungsmanöver. Statt die Krise auf der Schiene kraftvoll zu bekämpfen, kümmert man sich lieber darum, ihre Dimension zu kaschieren.

Eine Statistikänderung führt unweigerlich zum Verlust von Vergleichbarkeit. Aus den Zahlen, die künftig präsentiert werden, wird sich zunächst nicht ablesen lassen, ob die Bahn nun zugelegt oder sich weiter verschlechtert hat. Dabei hatte Verkehrsminister Andreas Scheuer im Januar verlangt, im Laufe des ersten Halbjahres müssten spürbare Verbesserungen erkennbar sein.

Jeder vierte Fernzug unpünktlich

Im vergangenen Jahr war nach bisheriger Messmethode jeder vierte Fernzug unpünktlich, kam also mit mehr als sechs Minuten Verspätungen an. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass unter den neuen Bedingungen weniger Zugverbindungen als unpünktlich ausgewiesen werden. Weil man nun von Verspätung erst sprechen will, wenn der Kunde seinen Zielbahnhof mehr als eine Viertelstunde nach fahrplangemäßer Ankunftszeit erreicht.

Akzeptanz gewinnt die Bahn nicht mit vermeintlich besseren Werten auf dem Papier, sondern mit Erfolgen. Langsam läuft Vorstandschef Richard Lutz die Zeit davon. Es sind auch Versäumnisse der Politik, die ihm das Leben schwer machen.

Der Konzern, erst mit viel Sparanstrengung auf Börsenbahn getrimmt und dann vom Bund wieder weitgehend sich selbst überlassen, kämpft heute mit komplexen Problemen. Die meisten sind Lasten der Vergangenheit. Das Unternehmen mit seinen vielen Töchtern ist ineffizient strukturiert. Spartendenken dominiert, dem Vorstand fehlt es an Durchgriffsmöglichkeiten.

Ehrgeizige Vorgaben aus dem Koalitionsvertrag

In diesem Zustand wird die Bahn die ehrgeizigen Vorgaben des Koalitionsvertrags, die auf eine Verdopplung der Fahrgastzahlen im nächsten Jahrzehnt hinauslaufen, kaum erfolgreich angehen können. Drei Herkulesaufgaben muss der Konzern lösen.

Bei der ersten geht es um die überlasteten Bahnknoten. Dort werden zusätzliche Gleise benötigt, die im laufenden Betrieb zugebaut werden müssen. Und es bedarf einer klügeren Organisation, um Folgeverspätungen zu vermeiden. Das alles wird Milliarden-Investitionen erfordern. Geld, das die Bahn bislang nicht hat.

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Die nächste große Herausforderung ist die Digitalisierung. Sinnbild dafür sind die vielen Züge, die zum Ärger der Fahrgäste immer noch in umgekehrter Wagenfolge in Bahnhöfe einfahren. Konsequente Digitalisierung erfordert ebenfalls Milliarden-Beträge. Sie führt aber nicht nur zu mehr Pünktlichkeit und Planbarkeit, sondern auch dazu, dass engere Zugfolgen möglich werden – unter dem Strich wären das mindestens 20 Prozent mehr Kapazität.

Das dritte Problem, das schnell gelöst werden muss, sind Technik und Personal. In der Instandsetzung fehlt es an Fachkräften, was vielfach zu erheblichen Verzögerungen bei Bereitstellung und Modernisierung von Zügen führt. Viele dieser Probleme sind erkannt, aber noch lange nicht gelöst.

Wenn sich hier keine Fortschritte zeigen, werden all die Forderungen nach einer Verkehrswende, die mehr Güter auf die Schiene verlagert und Inlandsflüge durch attraktive ICE-Verbindungen überflüssig macht, pures Wunschdenken bleiben. Die Bundesregierung tut gut daran, den Druck auf die Bahn-Führung aufrecht zu erhalten und Verbesserungen statt Schönrechnerei einzufordern. Sie muss allerdings auch die notwendigen Mittel bereitstellen.

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