1. Startseite
  2. Meinung

Das Baby

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Arnd Festerling

Kommentare

Salut-Schüsse für den neugeborenen Prinzen in London.
Salut-Schüsse für den neugeborenen Prinzen in London. © dpa

Es ist schon starker Tobak, wenn ein Knabe geboren wird, der unweigerlich dereinst König und Staatsoberhaupt wird, wenn er denn lange genug lebt. Da haben wir Deutschen es allemal besser als die Briten. Und wenn der kleine Prinz noch so süß ist.

Herzlichen Glückwunsch an die lieben Eltern! Und ein fröhliches Willkommen dem süßen kleinen Fratz. Auch von dieser Seite. So viel Respekt vor der Geburt des Babys zeigen wir gerne, ehe wir uns in bester republikanischer FR-Tradition kritisch mit dem Prinzen von Cambridge befassen. Wobei das schon ganz falsch formuliert ist, denn das kleine Hascherl lassen wir selbstverständlich in Frieden. Kann ja nix dafür, dass es mal König werden muss. Oder werden will.

So ist das nämlich mit der Sozialisation von Königskindern, die haben oft keinen zweiten Berufswunsch in petto, wenn es mit der Monarchie mal bergab oder gar zu Ende gehen sollte. Nur die Männer lernen ausführlich das Soldatenhandwerk, im übrigen konzentriert sich die Ausbildung im Wesentlichen auf Königsein lernen. Die müssen dann wollen. Einmal war das anders in der englischen Geschichte, als Eduard der Achte 1936 nicht mehr wollte und der Liebe wegen abdankte, was für das Haus der Windsors vielleicht nicht ganz schlecht war, weil er in der Folge einen Hauch zu viel Verständnis für die Nazis und Ihre Ideologie äußerte.

Teil der Unterhaltungsindustrie

Aber zurück zu unserem Königskind, das eigentlich ein Königinnen-Urenkelchen ist. Der kleine Cambridge steht vor einer gewissen Zukunft. Das fängt damit an, dass die britischen Wetter in dieser Reihenfolge auf die Namen George, James und Alexander für ihn setzen und bei den Buchmachern entsprechend schlechte Quoten dafür kriegen. Mit Kevin, Tim oder Marvin könnten sie dagegen schwer Kohle machen, wissen aber genau, dass die Uroma Queen so eine Entgleisung niemals zuließe.

Und nach dem Namen bekommt der kleine Spatz ein paar Kindermädchen, und es werden dauernd überall ganz viele Fotos gemacht. Und später lernt er Reiten und Schießen und Jagen und geht auf die tollsten Internate, und wenn er sich mal dumm säuft, dann kann er am nächsten Tag in jeder Zeitung nachlesen, was er so getrieben hat. Und Bilder sind meist auch dabei. Das gibt dann unweigerlich Stress mit der Uroma oder dem Opa, der dann vielleicht sogar schon König ist, vielleicht aber auch immer noch nicht. So sieht eine gewisse Zukunft aus.

Inzwischen kocht uns aber das republikanische Blut in den Adern, und deswegen hört der Spaß jetzt mal auf. Schön und gut, dass sich die Briten eine Monarchie leisten und all die anderen europäischen Demokratien uns das Sommerloch mit Geburtstagen und Rücktritten und Krönungen ihrer Königs stopfen. Da stehen sie dann im bunten Teil der Tageszeitungen oder auf den ersten Seiten der Klatschpresse ganz bürgerlich gleich und gleich zwischen und neben Popstars, TV-Nackedeimodels, Fußballspieler(ex)frauen und ehemaligen Dschungelcampern. Als Teil der Unterhaltungsindustrie, deren Produkte über diese oder jene Berühmtheit auch wir zuweilen gerne lesen und anschauen.

Überbleibsel einer Urzeit

Aber sie sind eben nur dort gleich. Wobei uns, der bürgerlichen Gesellschaft, die Französische Revolution doch den akzeptierten Grundsatz der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit vermacht hat. Freilich wissen wir inzwischen mehr oder weniger, je nachdem, wie weit wir die Augen öffnen, dass Brüderlichkeit und ungezügelte Freiheit der Märkte nicht unbedingt Hand in Hand gehen. Und wir wissen, dass etwa Freiheit und Wohlstand in einem Verhältnis stehen, dass den Armen etwas weniger von diesem köstlichen Kuchen lässt als den Reichen.

Nirgendwo aber werden diese Ideale der bürgerlichen Gesellschaft gröber verletzt als in der Gleichheitsfrage. Der Anspruch auf die Würde des Staatsoberhauptes allein durch die Geburt ragt in unsere Zeit als Überbleibsel einer gesellschaftlichen Urzeit. Einer Zeit, in der die Menschen nur selten nach Können und Verdienst, sondern vor allem nach Herkunft und Geburt beurteilt wurden. Aus einer Zeit, als nicht nur Königskinder, sondern auch Bauernkinder und Bettlerkinder und Anwaltskinder und Handwerkerkinder allesamt vor einer ganz gewissen Zukunft standen.

Geburt der Bundespräsidentin

Freilich haben nach 1789 die Denker und gerade auch die bürgerlichen Staatenlenker blitzschnell verstanden, dass dem Begriff der Gleichheit einige gesellschaftliche Sprengkraft innewohnt. Deswegen ist von diesem schönen Ideal menschlichen Miteinanders oft nur in, nun ja, abgeschwächter Form die Rede (Gleichheit vor dem Gesetz etwa, heißt es in unserem Grundgesetz) – ein paar erstrebenswerte Ziele sollen der Menschheit schließlich für die kommenden Jahrhunderte bleiben.

Dennoch, zurück in die Gegenwart, ist es schon starker Tobak, wenn ein Knabe geboren wird, der unweigerlich dereinst König und Staatsoberhaupt wird, wenn er denn lange genug lebt. Man denke nur, vor dem Bundestag in Berlin schösse ein bunt uniformierter Haufen 41 Schüsse Salut, während vor dem Roten Rathaus eine konkurrierende Truppe mit 62 Böllerschüssen die Geburt der künftigen Bundespräsidentin begrüßte. Da haben wir es schon besser als die Briten, allemal. Und wenn der kleine Prinz noch so süß ist.

Auch interessant

Kommentare