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Die Stadt Stuttgart will ein Fahrverbot von älteren Dieselfahrzeugen im Stadtgebiet prüfen.

Pkw-Verbot

Autos raus aus Innenstädten

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Ein Versuch in Frankfurt zeigt: Tempo 30 senkt den Lärmpegel. Noch mehr ist möglich, nämlich ganz ohne Pkw.

Eigentlich denkt man ja immer, die Alliierten hätten im Zweiten Weltkrieg die deutschen Städte in Schutt und Asche gebombt. Das stimmt auch weitestgehend, und darüber darf sich niemand beschweren. Gemessen an dem Unheil, das das Volk der Dichter und Denker über die Welt brachte, kann es von Glück sagen, dass sein Land nicht vollkommen dem Erdboden gleichgemacht wurde. Pläne dieser Art gab es durchaus.

Dennoch ist es nicht ganz richtig, was man über die Folgen der Angriffe denkt. In Vergessenheit ist geraten, dass große Teile der Städte erst lange nach Ende des Krieges plattgemacht wurden. Nicht weil die Gebäude baufällig und ruinös gewesen wären, nein, sie standen schlicht den Gespinsten einer autogerechten Stadt im Weg. Man nutzte die Gunst der Stunde und sprengte vollkommen intakte Häuser gleich mit weg, um vielspurige Schneisen kreuz und quer durch die Städte zu schlagen.

Streng genommen setzte man damit den Architekturwahn Adolf Hitlers fort, man denke nur an des Besessenen Pläne für die Welthauptstadt Germania. Aber dessen war man sich gewiss nicht bewusst. Ganz im Gegenteil. Womöglich verspürte so mancher vorgebräunte Lokalpolitiker in seinem tiefsten Unterbewusstsein ein winziges Entnazifizierüngchen, wenn er Altes wegpetzte und statt dessen Neues hinklotzte. Da ging es ihm nicht anders als dem normalen Bürger auch. Man erinnere sich nur daran, wie viele wunderschöne alte Möbel noch in den sechziger Jahren an Sperrmülltagen auf der Straße standen.

Das darf man den Leuten gar nicht mal zum Vorwurf machen. Das Wirtschaftswunder florierte und ließ die Menschen froh in die Zukunft blicken. Und die bestand nun mal in den Wohnungen aus Resopal und in den Städten aus Beton. Die Planer gingen mit der Zeit, als sie den Autos breite Pisten planierten und die Fußgänger auf schmale Randstreifen verbannten. An Radfahrer dachte niemand. Die hatten in der damaligen Gesellschaft den Status wie heute etwa Pfandflaschensammler. Sie wussten also nicht, was sie taten. Und es sollte Jahrzehnte dauern, bis es ihnen und ihren Nachfolgern langsam dämmerte.

Die Betonung liegt auf „langsam“. Noch heute brummt das Automobil wie ein Kreisel in den Hirnen vieler Volksvertreter. Die Menschen leiden unter Abgasen und Lärm der Kraftfahrzeuge. Doch immer noch werden Gegenmaßnahmen nur spärlich ergriffen, wie nun das zeitweilige Fahrverbot für Dieselstinker in Stuttgart. Viel zu lasch und viel zu spät, sagen Fachleute. Und noch immer kommt es zu Possen wie zur Zeit in Frankfurt. Dort hat ein Feldversuch auf einigen Durchgangsstraßen erwiesen, dass eine nächtliche Geschwindigkeitsbegrenzung auf Tempo 30 eine spürbare Reduzierung des Krachs erzielt. Wenn Sie mich fragen, hätte es hierzu keiner Expertise bedurft. Das Ergebnis ist also da. Und was geschieht? Nichts. Da sitzen sie und diskutieren allen Ernstes über Sinn oder Unsinn solch einer Maßnahme.

Leute, denkt doch mal nach! Was soll denn der Schwachsinn? Tut es endlich! Gebt Euch nicht ab mit Tempo 30, macht Nägel mit Köppen. Verbannt das Auto aus den Innenstädten und schafft die Fahrpreise für den öffentlichen Nahverkehr ab! Denn Ihr müsstet eigentlich wissen, was Ihr tut. Anders als die damals.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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