Kolumne

Austeilen und einstecken

Nicht nur naive Gemüter wünschen sich Personen und Instanzen, die über alle Kritik erhaben sind: den Papst, Christa Wolf?...

Von Jochen Hörisch

Günter Grass hat in seinem Nachruf auf Christa Wolf Literaturkritiker wie Frank Schirrmacher und Ulrich Greiner scharf kritisiert, weil sie vor zwanzig Jahren voll „Niedertracht“ die zuvor auch von ihnen gefeierte DDR-Schriftstellerin „hingerichtet“ haben. Nein, kein weiterer Kommentar zu dieser Debatte um Christa Wolfs Buch „Was bleibt“ außer dem Hinweis, dass schon sein Titel subtil auf das geflügelte Hölderlinwort „Was bleibet aber, stiften die Dichter“ anspielt und kritisch selbstbewusst die These lanciert, von der DDR bleibe nur ihre Literatur, was aber kein Literaturkritiker bemerkt hat.

Wohl aber ein Kommentar zur seltsamen, aber grassierenden Asymmetrie im allgemeinen Kritikbetrieb. Denn es häufen sich auffallend die Fälle, in denen Kritiker aller Art völlig fassungslos reagieren, wenn sie ihrerseits kritisiert werden. Günter Grass gehört dazu. Er hat mit großer Überzeugungskraft viele kritisiert, die ihre Nazivergangenheit verdrängt haben, und war, gelinde gesagt, überrascht und gereizt, als viele nicht ganz nachvollziehen konnten, dass er selbst seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS mehr als ein halbes Jahrhundert lang verschwiegen hatte.

Bischof Mixa kritisierte munter die dekadente Welt um ihn herum, fühlte sich aber hinterhältig verfolgt, als seine christliche Prügelpraxis und sein systematisches Leugnen kritisiert wurden. Jean Ziegler hatte sich als scharfer Kritiker westlicher Reicher einen Namen gemacht, die für das Elend in weiten Weltgegenden verantwortlich sind, konnte aber nicht verstehen, dass vielen sein einvernehmlicher Umgang mit dem superreichen Diktator und Folterer Gaddafi kritikbedürftig schien. Hartmut von Hentig wurde als allseits geachteter Kritiker des unsensiblen Schulbetriebs ge- und berühmt, war aber günstigstenfalls unsensibel genug, nicht zu merken, dass er Jahrzehnte lang mit einem pädokriminellen Schulleiter zusammenlebte, in dessen Umkreis sich Selbstmorde häuften. Dass viele nun ihn kritisieren, erscheint ihm als schreiendes Unrecht.

Christa Wolf gehörte übrigens zu den wenigen, die nachvollziehen konnten, dass sie, die große und sensible Kritikerin, von einigen noch mehr bewundert worden wäre, wenn sie ihre Kritik an der DDR nicht erst nach deren Kollaps so deutlich artikuliert hätte wie in dem 1990 erschienenen Band „Was bleibt“. Gesellschafts- und Kulturkritiker, Journalisten und Literaturkritiker gehören hingegen auffallend oft zu der Sorte Menschen, die stark im Austeilen und sehr schwach im Einstecken sind. Selbst Kritiker, die Lokomotiven durch das Frankfurt der Goethe-Zeit fahren oder Zentrifugalkräfte nach innen losgehen lassen, sind tief gekränkt und fühlen sich von bösen Mächten verfolgt, wenn man sie kritisiert.

Das ist komisch und entspricht doch einem verbreiteten Bedürfnis: dem nach kritikfreien Zonen. Nicht nur naive Gemüter wünschen sich Personen und Instanzen, die über alle Kritik erhaben sind – den Papst, die verehrte Schriftstellerin, den Propheten, den Wirtschaftsweisen, die moralische Instanz, den selbstlosen Revolutionär, den Bundespräsidenten. Es macht Freude, solche Rollen zu bespielen. Doch dieses Spiel ist aus. Denn wir leben im Zeitalter der Symmetrisierung von Kritikverhältnissen – und das ist auch gut so. Man darf alles kritisieren, selbst diesen metakritischen Kommentar.

Jochen Hörisch ist Germanistik-Professor in Mannheim.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare