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Aussprechen, was bewegt

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Von: Petra Kohse

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Wie wohltuend sind Gespräche von Angesicht zu Angesicht ohne Schmeicheleien oder Selbstoffenbarung.

Zur Zeit schaue ich die vierte Staffel von „Downton Abbey“. Es inspiriert mich zu beobachten, wie in dieser Fernseh-Saga einer britischen Adelsfamilie und ihrer Dienerschaft Anfang des 20. Jahrhunderts gesellschaftliche Entwicklungsprozesse gespiegelt werden, die sich meist top down durchsetzen. Wenn eine Sängerin neben dem Earl am Tisch sitzen darf oder ein Kühlschrank angeschafft werden soll, gerät das Weltbild im Dienstbotentrakt kurz ins Wanken, stabilisiert sich aber bald auf dem neuen Niveau – das Vertrauen in die Idee von Herrschaft macht es möglich. Was alles, frage ich mich dann, halte ich selbst in unserer Zeit und im echten Leben eigentlich für so unumstößlich, dass ich Widerstände überwinde und mich immer weiter vorantreiben lasse, immer weiter mitmache? (Und was davon wird im Rückblick eine Modernisierung gewesen sein?)

Das Faszinierendste an „Downton Abbey“ aber sind die Dialoge. In beiden Schichten, im Salon wie in der Küche, wird   stets von Angesicht zu Angesicht und ohne Zurückhaltung genau das ausgesprochen, was die Betreffenden gerade bewegt und was sie übereinander denken. Da weiß    jeder gleich woran er ist und wird von seinem Gegenüber ernst genommen. Das vollständige Fehlen von sentimentalen Selbstoffenbarungen, taktierender Schmeichelei und langwierigen Berichten aus dem jeweiligen Alltag macht die Kommunikation anstrengend, aber sinnvoll, und nach jeder Folge nehme ich mir vor, an meinem eigenen Sprechverhalten gründlich zu arbeiten.

Aber das Persönliche, das jeglichen Austausch über Drittes aushebelt, ist findig und robust. Es taucht in Gesprächen als nicht diskutierbares „Argument“ auf, wird als Gefühligkeit ausgelebt oder macht sich gleich ganz zum Thema, andere in eine Publikumsposition zwingend, aus der es kein höfliches Entkommen gibt.

Letzte Woche war ich im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus in der Adele-Schreiber-Krieger-Straße, einem Bundestagsgebäude, in dessen Elisabeth-Noelle-Neumann-Saal (nein, Spaß: Anhörungssaal) die Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen zu einem Parlamentarischen Abend „mit Lesetheater“ eingeladen hatte. Musikalisch und malerisch begleitet lasen Corinna Harfouch und Kathleen Morgeneyer das Stück „Septembren“ von Philippe Malone, das auf poetische Weise die äußeren und inneren Zerstörungen einer zerbombten Stadt im Nahen Osten beschreibt.

Danach wurde an Stehtischen „darüber gesprochen“. Ich stellte mich an den Tisch mit Claudia Roth und Corinna Harfouch, wo es gerade um persönliche Erfahrungen mit der AfD-Anhängerschaft ging, bis die Schauspielerin sehr freundlich bemerkte, dass hier immer gesagt werde, man könne mit „denen“ nicht reden, dass aber auch hier keiner auf den Vorigen eingehe, sondern jeweils nur sich selbst präsentiere.

Das stimmte und war als Beitrag schon eine erste Überwindung des Missstandes, aber die Bundestagsvizepräsidentin, die ja Gastgeberin war, erschrak und betonte, wie wichtig es wäre, dass hier jeder zu Wort und mit seinen Erfahrungen vorkommen solle am Tisch. Niemand mit taz-Geschichte würde diesem Stichwort die Gefolgschaft verweigern, und so vertiefte ich den Einwurf meinerseits nicht, sondern wandte mich der nächsten Ich-Sprecherin zu. Aber es fühlte sich diesmal nicht an wie ein Fortschritt.

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