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Die Deutschen haben oft Angst vor „Überfremdung“ - doch die Gründe dafür sind reichlich diffus.

Angst vor Überfremdung

Ausländer: Spitzenreiter auf der Fürchte-Dich-Skala

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Früher war alles besser, und heute kann man sich nur noch fürchten? Mit der Wirklichkeit haben solche Gefühle wenig zu tun. Die Kolumne in der FR.

Eigentlich geht es uns Deutschen ja so gut wie nie. Das beweisen viele Statistiken, Erhebungen und Analysen. Dennoch werden die Menschen in diesem Lande immer ängstlicher und verunsicherter. Wie passt das zusammen? Was macht uns Angst?

In Umfragen werden so allerlei Gründe angeführt. Häufig sind es konkrete wie Verlust der Wohnung, Krankheit oder Altersarmut. Das ist nachvollziehbar, denn die meisten Menschen sind in ihrem persönlichen Umfeld schon mit solchen Schicksalen konfrontiert worden. Anders bei den diffusen Gründen, allen voran die sogenannte „Überfremdung“ oder gar Taten gewaltdürstender Ausländer.

Die wenigsten von uns haben schon mal von einem Nichtdeutschen einen auf den Deckel gekriegt, dennoch fürchten sie sich davor. Das erinnert an Angst vor dem Fliegen oder Furcht vor dem Wolf. Beide entbehren jeder realistischen Grundlage, kriechen vielen Menschen aber in Mark und Bein – besonders denen, die selten fliegen und noch nie einen Wolf gesehen haben.

Kriminalität und Krankheiten sind Spitzenreiter

Aber auch die Spitzenreiter auf der Fürchte-Dich-Skala, Kriminalität und Krankheiten, halten einer Konfrontation mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung kaum stand. Die medizinische Versorgung und die pharmakologische Forschung in Deutschland waren noch nie von solcher Güte wie heute. Zudem steigt die durchschnittliche Lebenserwartung kontinuierlich. Und die Kriminalität? Die Republik war noch nie so sicher wie zur Zeit. Das belegen Zahlen.

Woher aber diese Diskrepanz zwischen Wahrheit und Empfinden? Sind die Statistiken gefälscht, oder trügt unser Gefühl? Vermutlich ist beidem nicht so recht zu trauen, aber das ist noch lange kein Grund für solch flächendeckendes Bangen. Woran liegt es also?

Viele beklagen eine allgemeine Verunsicherung, die ihnen den aufrechten Gang und den klaren Sinn raubt. Sie reden von einem Chaos, einer Unübersichtlichkeit und einem Durcheinander, rings um sie herum, im Großen und im Kleinen. Und sie haben Angst vor dem, was da kommen mag, vor der Ungewissheit der Zukunft. In der Folge davon meinen sie dann, etwas in sich zu hören, das ihnen „Früher war alles besser“ zuflüstert, und sie versteigen sich dazu, ihm zu glauben.

War früher wirklich alles besser?

Dabei war kaum etwas besser. War damals die Zukunft etwa gewiss? Gewiss nicht. Früher war halt einiges anders. Und die Menschen selbst waren jünger (hört, hört), sie waren frischer und ungesättigter. Sie hatten zwar weniger Geld, aber mehr Energie, mehr Bereitschaft zur Spontaneität, mehr Appetit sowie regelmäßig Stuhlgang und Geschlechtsverkehr. Da verklärt man schon mal so einiges.

Bei allen Veränderungen: In Wahrheit sind die Welt und die Gesellschaft im Grunde gleich geblieben – es erfordert nur ein wenig mehr Aufwand, darüber nachzudenken und sich eine Meinung zu bilden. Wichtige Kernthesen aber sind geblieben.

So unterscheiden sich die Mitmenschen nach wie vor in Arschlöcher und keine Arschlöcher, unabhängig von Kultur, Geschlecht, Nationalität und Herkunft. Und: Man kann immer noch mit allen Leuten reden, selbst wenn man eine andere Sprache spricht.

Es besteht also kein Anlass zu resignieren. Ganz im Gegenteil. Die Welt ist zwar komplizierter geworden, dafür aber bunter und spannender. Das erkennen zu wollen, erfordert etwas Mut und viel Offenheit. Macht aber auch viel Spaß.

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