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Der Ruf nach Ausgangssperren wird lauter. In Teilen von Freiburg gilt sie bereits.

Corona-Krise

Ausgangssperre? Wenn, dann nur aus den richtigen Gründen! 

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Vielen reichen freiwillige Einschränkungen nicht. Doch was bringen schärfere Verordnungen? Der Leitartikel.

Der Ruf nach einer Ausgangssperre wird immer lauter. Doch ist dieses drastische Mittel, diese dramatische Einschränkung von Freiheitsrechten angemessen? Wird es den gewünschten Effekt haben und die Zahl der Ansteckungen niedrig halten? Oder handeln wir uns mehr Probleme ein als wir lösen?

Dabei geht es um eine vernünftige Abwägung verschiedener Aspekte. Unbestritten ist natürlich, dass die bisherigen Einschränkungen des normalen Lebens richtig und notwendig sind und Leben schützen. Das hat nicht erst Bundeskanzlerin Angela Merkel in einer bewegenden und pointierten Rede unmissverständlich klargemacht.

Würde eine Ausgangssperre uns unserem Ziel wirklich näherbringen?

Ja, die Lage ist ernst und jeder muss sie ernst nehmen. Aber sind es wirklich so viele, die nicht verstanden haben, worum es geht? Oder tasten sie sich genauso langsam in dieses neue, dieses andere Leben vor? Auch Politikerinnen und Politiker haben nicht sofort erkannt, wie gefährlich das Virus wirklich ist. Viele haben Covid-19 anfangs noch mit einer Grippe verglichen. Augenscheinlich sind die Straßen am Morgen nach Merkels Rede jedenfalls noch etwas leerer als tags zuvor. Wir haben es also mit vielen freiwilligen Einschränkungen und ein paar Verordnungen ziemlich weit gebracht. Würde eine Ausgangssperre uns unserem Ziel wirklich näherbringen?

Selbst Experten streiten über den tatsächlichen Effekt. Vergessen sollte auch nicht werden, dass die ersten Schritte, um ein Problem zu lösen, mit wenig Aufwand einen großen Fortschritt erzielen. Dann wird es immer schwieriger und aufwendiger, ohne dass ganz großen Ergebnisse erzielt werden.

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Unterschied zwischen bisherigen Einschränkungen und einer Ausgangssperre ist nicht groß

Wir sollten uns jedenfalls nicht für eine Ausgangssperre entscheiden, nur weil sich manche dann sicherer fühlen. Deren Ängste und Sorgen werden jedenfalls nicht durch drakonische Maßnahmen verschwinden. Womöglich hilft ihnen der Hinweis, dass der Unterschied zwischen den bisherigen weitgehend freiwilligen Einschränkungen und einer Ausgangssperre gar nicht so groß ist. Schon jetzt gibt es keine Fußballspiele, kein Theater, kein Kino. Schulen sind dicht, viele Geschäfte geschlossen, Kinderspielplätze und viele öffentliche Plätze gesperrt. Mit einer Ausgangssperre wären es noch ein paar Läden mehr.

Doch dann müsste die Verordnung kontrolliert und durchgesetzt werden. Es gäbe mehr Geldbußen, aber vielleicht auch mehr Unmut. Vor allem letzteres kann niemand gebrauchen. Schließlich wird der sogenannte Shutdown eher länger als kürzer dauern.

Auch den Missgünstigen und Prinzipienreitern sollte nicht nachgegeben werden. Jenen also, die zu Hause sitzen und darauf pochen, dass alle anderen auch in den eigenen vier Wänden sitzen müssen. Das ist leichter in einer großen Wohnung mit Balkon, aber deutlich schwerer in einer kleinen Wohnung womöglich noch mit zwei Kindern.

In Deutschland können wir mit einer Ausgangssperre noch ein wenig warten

Und wir sollten auch nicht jenen verfallen, die in Krisen nach Autoritäten und starken Maßnahmen rufen. Bislang haben US-Präsident Donald Trump oder sein brasilianischer Amtskollege Jair Bolsonaro jedenfalls noch nicht bewiesen, dass sie mit ihren Methoden erfolgreicher sind. Beide haben das Problem anfangs ignoriert oder sich darüber lustig gemacht.

Außerdem können wir hierzulande mit einer Ausgangssperre noch ein wenig warten. Die Menschen reagieren langsam, aber sie verhalten sich mehrheitlich angemessen. Verhängen wir aber jetzt schon die Ausgangssperre, dann werden wir sie so schnell nicht wieder los.

Zudem haben wir noch einen Schritt der Eskalation, wenn es noch schlimmer wird, wenn die Zahl der Erkrankten zu stark ansteigt. Das ist der Unterschied zu Italien, wo die Krankheit sich exponenziell ausbreitete und den Politikerinnen und Politikern nichts anders übrig blieb, als zu der drastischen Maßnahme zu greifen.

Ausgangssperren: Mit Verboten alleine werden wir die Corona-Krise nicht meistern

Ohnehin sollten wir so langsam viel mehr darüber reden, wie wir in Zeiten der Coronakrise leben können und wollen. Mit Verboten alleine werden wir sie nicht meistern. Bislang beschränkt sich das Krisenmanagement darauf, die Gesundheit zu schützen und die Wirtschaft trotz aller Einschränkungen irgendwie am Laufen zu halten. Das ist nachvollziehbar.

Doch wie werden wir die kommenden Wochen jenseits dessen leben? Können wir der von Merkel gelobten Kassiererin, nachdem sie sich acht Stunden an der Kasse hat vollhusten lassen, wirklich verbieten, mit ihren Kindern auf den Spielplatz zu gehen? Auch solche Fragen müssen wir beantworten, sonst wird der soziale Kitt zerbröseln, wird die Coronakrise Prozesse beschleunigen, von denen mehrheitlich Populisten profitieren werden.

Dazu muss es nicht kommen. Schließlich haben Politik und andere Teile der Gesellschaft erst begonnen, Fragen zu den Problemen der Coronakrise zu stellen. Doch das gemeinsame Singen auf Balkonen wie in Italien wird nicht reichen. Zumal nicht alle einen solchen Vorbau haben.

Von Andreas Schwarzkopf

Die bundesweite aktuelle Entwicklung zum Thema Ausgangssperre lesen Sie in unserem News-Ticker. 

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