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Schuld lässt sich nicht vererben, Verantwortung schon.

75 Jahre Befreiung von Auschwitz

An die Shoa muss erinnert werden – immer wieder

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Was vor 75 Jahren sein Ende nahm, könnte auch wieder von vorne beginnen. Deutschland muss auch künftig Juden schützen. Und mit ihnen all jene, denen Rechte einen Platz in dieser Gesellschaft verwehren. Der Leitartikel.

Es ist eine der größten Errungenschaften der deutschen Geschichte seit 1945, dass die Erinnerung an den Holocaust ein unerschütterlicher, nicht zu leugnender Teil unserer Kultur ist. „Nie wieder“ und „Wider das Vergessen“ mahnen viele seit Jahrzehnten; es hat sich in das kollektive Denken gebrannt.

Und doch: Selbst 35 Jahre nach der prägenden Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, mit der er am 8. Mai 1985 die nachkriegsdeutsche Erinnerungskultur mit seinem Bekenntnis zur Befreiung auf eine neue Ebene hob, darf nichts als selbstverständlich gelten. Das hat sein Amtsnachfolger  Frank-Walter Steinmeier gerade erst in der Gedenkstätte Yad Vashem gesagt.

Es ist nichts selbstverständlich, erst recht nicht der Umgang mit diesem unverzeihlichen Verbrechen. Doch spätestens seit sich die AfD mit ihrer menschenverachtenden Haltung bis in die Mitte der Gesellschaft hineingefressen hat, ist nicht mehr zu übersehen, dass mit Geschichtsrevision versucht wird, die Judenvernichtung vergessen zu machen. Der Versuch der Rechten, den Holocaust zum „Vogelschiss“ zu erklären und damit die Bedeutung des Erinnerns für das Zusammenleben in einer offenen, liberalen Gesellschaft zu zerstören, muss gestoppt und zurückgedrängt werden.

75 Jahre Befreiung KZ Auschwitz: Überlegen, wie das Gedenken weitergeht

Die Holocaustüberlebenden haben mit ihren Berichten vom Horror in den Lagern, vom Aufbau ihres Lebens nach dem Krieg und ihrer kaum vorstellbaren Fähigkeit zur Vergebung einen beispiellosen Eindruck hinterlassen. Wenn jetzt, 75 Jahre nach der Befreiung aus dem KZ Auschwitz, nur noch wenige von ihnen am Leben sind, drängt sich endgültig die Frage auf, wie das Gedenken weitergeht.

Ohne die, die authentisch erzählen können, die uns mit ihren Schicksalen tief berühren, besteht die Gefahr, dass es auf einer abstrakten Ebene bleibt. Und doch muss auch künftig klar sein: Schuld lässt sich nicht vererben, Verantwortung schon.

Doch das kann nicht funktionieren, wenn man den kommenden Generationen die Bereitschaft, sich zu erinnern und das Gelernte auf das eigene Handeln zu übertragen, aufdrücken will. Betroffenheit und Verantwortungsgefühl lassen sich nicht erzwingen, sie müssen für jede Bürgerin und jeden Bürger eine selbstgewählte Entscheidung sein.

Das geht nur, wenn sie das Wissen über das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte mit der Erkenntnis verbinden können, dass die eigene Freiheit nicht selbstverständlich ist. Sondern ein Gut, das immer wieder aufs Neue verteidigt werden muss.

75 Jahre Befreiung KZ Auschwitz: Wieder steht das Leben von Menschen auf dem Spiel

Was vor 75 Jahren sein Ende nahm, könnte auch wieder von vorne beginnen. Heute muss klar sein, dass mitten unter uns wieder das Leben von Menschen auf dem Spiel steht. Vielleicht wird es nie wieder geschehen, dass Deutschland eine Tötungsmaschinerie aufbaut. Aber die Shoa sollte uns auch daran erinnern, dass alles, was vor der Vernichtung in den Lagern geschah, brandgefährlich war.

Wenn heute wieder Rechtsextremisten und Neonazis versuchen, Familien auseinanderzureißen, Karrieren zu zerstören, Freundesgruppen zu sprengen, dann zerstören sie die Gesellschaft ebenso, wie sie es unter Hitler taten. Das war damals die schleichende, wie langsames Gift wirkende Vorstufe zur Vernichtung eines Volkes – und kann es wieder sein.

75 Jahre Befreiung KZ Auschwitz: Sensibel sein für das Gift des Hasses

Nur wenn jeder junge Mensch in Deutschland, egal welcher Religion oder Abstammung, lernt, sensibel zu sein für das Gift des Hasses, kann sie oder er dazu beitragen, es zurückzudrängen. Es muss der ganzen Gesellschaft ein Anliegen sein, keinen Millimeter mehr hinter die schon erreichte Offenheit zurückzuweichen. Nicht zuzulassen, dass Deutschland wieder ein Land wird, in dem sich Menschen, die irgendwem wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Religion oder ihrer Abstammung nicht gefallen, Angst haben müssen.

Der deutsche Staat und die Gesellschaft müssen sich auch in Zukunft dem Schutz der Jüdinnen und Juden verschreiben. Und mit ihnen dem Schutz all jener, denen rechte Nationalisten einen Platz in dieser Gesellschaft verwehren. Deswegen muss erinnert werden, immer wieder. Um hochsensibel und wachsam zu bleiben. Hinzusehen, aufzustehen, einzuschreiten. Damit unsere Freiheit und unser friedliches Zusammenleben nie wieder so bedroht werden, wie es schon einmal geschah.  

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