Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Engagiert auf dem Alexanderplatz: Außenminister Steinmeier.
+
Engagiert auf dem Alexanderplatz: Außenminister Steinmeier.

Steinmeier Wutanfall

Ausbruch aus dem System

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
    schließen

Steinmeiers Wutanfall in Berlin ist schon zum Quotenrenner avanciert. Inzwischen gibt es den wütenden Steinmeier auch als Schlager- und Rap-Version. Sind solche Auftritte bei Politiker nicht zu selten? Die Kontrolliertheit, mit der die meisten Politiker agieren, ist verständlich. Aber sie lässt sie roboterhaft erscheinen.

Dass sich in der digitalen Welt immer alles rasend schnell vollzieht, erweist sich im Fall der berühmt gewordenen Steinmeier-Rede als Irrtum. Am Montag hielt der Außenminister auf dem Berliner Alexanderplatz eine Rede. Dabei ist es etwas lauter geworden, Demonstranten hatten ihn einen Kriegstreiber genannt. Später tauchte ein TV-Zusammenschnitt auf Youtube auf, wo das Video erst gut einen Tag später zum Quotenrenner avancierte. Inzwischen gibt es den wütenden Steinmeier auch als Schlager- und Rap-Version.

Ein Moment Menschlichkeit

Der politische Betrieb versucht es derweil mit Wutanalyse. Klaus-Dieter Frankenberger sieht in der FAZ eine Art Sittenverfall des öffentlichen Widerspruchs am Werk. „Ob Merkel, Steinmeier, Gabriel – wo immer führende Politiker auftreten, Krakeeler suchen die Veranstaltung zu stören, Redner aus dem Konzept zu bringen, das Ganze kaputt zu machen. Mal sind die ‚Demonstranten‘ gegen westliche Ukraine-Politik, mal, mit abstrusen Behauptungen, gegen ein Freihandelsabkommen mit den Vereinigten Staaten, oder sie stammen aus dem Stuttgart 21-Protestmilieu, und so weiter. Antifa-Trupps treten bei Veranstaltungen der AfD in Erscheinung – ihr Krawall macht sie noch zu Wahlhelfern in letzter Minute.“

Sebastian Pfeffer von der Zeitschrift „The European“ erkennt in Steinmeiers Rage gar das Unausgesprochene geschichtlich-biografischer Erfahrungen. „Der Sozialdemokratie muss niemand sagen, warum wir für Frieden kämpfen müssen!‘, ruft Steinmeier, und aus dem Satz, der so oder so ähnlich schon so oft als blutleere Floskel irgendwo stand, sprießt das Leben, man sieht die Jagdtrupps in den Straßen, schmeckt den Rauch und riecht den Moder der Konzentrationslager. ‚Europa, das ist die Lehre von Zeiten, in denen Menschen sich nicht zugehört haben, in denen man aufeinander geschossen hat‘ – das ist keine Sonntagsrede, da trifft einer direkt in die Intimsphäre der eigenen Erfahrung, die Erzählungen der Großeltern, die Schlachtfelder, die man nie sah, aber trotzdem kennt, die Bilder der Städte in Trümmern.“

Auf Spiegel-online betreibt Veit Medick Zornpsychologie. „Die Kommentatoren könnten ihm auch vorwerfen, die Nerven verloren zu haben. Aber das macht niemand. Warum nicht? Vielleicht liegt es daran, dass solche Momente zu selten geworden sind in der Politik. Die Berliner Republik ist ein hochprofessionelles System, in dem die Protagonisten inzwischen von der Angst getrieben sind, einen Fehler zu begehen oder in einem schwachen Augenblick erwischt zu werden. Wer patzt, verliert. Die Kontrolliertheit, mit der die meisten Politiker agieren, ist verständlich. Aber sie lässt sie roboterhaft erscheinen. (…) Das Interesse an Steinmeiers Ausfall aber könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Bürger eine gewisse Sehnsucht nach Politikern haben, die mal einen Moment aus ihrem Panzer heraustreten.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare