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Lebensmittel vom Biobauern sind auch Massenware.

Bio-Supermarkt

Auch Bio-Ausbeutung ist Ausbeutung

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Es ist wichtig, dass ökologisch erzeugte Produkte in Massen hergestellt werden – aber nicht von Massenherstellern. Die Kolumne. 

Eigentlich war es eine fürchterliche Zeit – zumindest aus kulinarischer Sicht. Ende der siebziger Jahre, vieles im Umbruch, die Errungenschaften der 68er-Revolten eroberten langsam ihren Platz in der Gesellschaft. Man demonstrierte für den Frieden und gegen die Atomkraft, die WG wurde zum etablierten Lebensmodell, ebenso die Ehe ohne Trauschein, die gleichgeschlechtliche Liebe und der Frauenabend in der Kneipe.

Männer lernten stricken, die Grünen und die „taz“ standen kurz vor der Gründung, und wir rochen nach Patschuli. Doch es gab Schlimmeres: die Anfänge der Bio-Bewegung.

Bio-Lebensmittel sind heute alltäglich

Man musste schwer politisiert oder stark verliebt sein, um deren Auswirkungen durchzustehen. Da in der Genetik des Menschen das Vergessen von Entsetzlichem programmiert ist, kann ich mich zum Glück nur an wenig erinnern. Etwa an diese vollkommen geschmacklosen Sojabrocken, die man tagelang einweichen musste, um beim Verzehr wenigstens das Gebiss zu schonen. Oder an den Wein. Eine saure Plörre, hergestellt von „echt netten“ Landkommunarden, die zwar etwas Ahnung von Marx und Adorno hatten, aber keine von der Winzerei. Sie brannten auch Brot und nannten verschimmelte Dickmilch „Käse“ – und wir stopften im Namen der guten Sache das alles stoisch in uns hinein.

Unser selbstloser Einsatz hat sich gelohnt. Bio-Lebensmittel sind heute schon längst kein Trend mehr, sondern Alltäglichkeit. Wenn uns das damals jemand gesagt hätte!

Doch wie so viele, droht auch diese Revolution ihre Väter zu verzehren. Stand doch in den Ursprüngen der Bewegung der politische Gedanke im Vordergrund, erst dann kam der ökologische. Das Ziel war die Stärkung der bäuerlichen Kleinerzeuger hierzulande und die Befreiung der unterjochten Landarbeiter in sogenannten „Drittweltländern“. Genau dies aber droht gerade in weite Ferne zu rücken. Die Discounter strotzen vor Biowaren, sogar der gestrenge „Demeter“-Verband hat unlängst Verträge mit den Billigkrämern geschlossen.

Discounter dirigieren die Preise

Das muss nicht schlecht sein. Doch umso wichtiger werden die Fragen: Was ist bio? Wer stellt die Produkte wo her, und welche Löhne zahlt er?

Discounter dirigieren seit jeher die Preise. Wer nicht zustimmt, wird aus dem Sortiment genommen, auch wenn er wegen der größeren Nachfrage gerade seinen Betrieb vergrößert hat – und nun pleite geht. Warum sollten sie dies nun plötzlich im Öko-Bereich nicht mehr tun? Auch eine Bio-Ausbeutung bleibt eine Ausbeutung.

Es ist richtig und wichtig, dass ökologisch erzeugte Produkte in Massen hergestellt werden – aber nicht von Massenherstellern. Gute Lebensmittel müssen für alle erschwinglich werden, aber nicht auf Kosten der Produzenten, sondern zu Lasten der Margen der Discounter.

Deswegen wird auch Regionalität immer bedeutender. Eine Verlagerung von Produktionsprozessen in Billiglohnländer ist seit Jahrzehnten ein probates Mittel der Konzerne, die eigenen Gewinne zu mehren. Also gilt auch hier: Warum sollten sie dies nun plötzlich im Öko-Bereich nicht mehr tun?

Doch mutet es nicht nationalistisch an, wenn möglich nur heimische Waren zu kaufen? Quatsch. Es ist schlicht vernünftig – und hilft im Übrigen auch den Billiglohnländern, den eigenen Markt zu stärken und nicht auf Großkonzerne angewiesen zu sein.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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