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Bergleute und Gäste gehen durch das ehemaligen Erkundungsbergwerk. Der Salzstock in Gorleben wurde jahrzehntelang für die Endlagerung von hoch radioaktivem Atommüll erkundet.
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Bergleute und Gäste gehen durch das ehemaligen Erkundungsbergwerk. Der Salzstock in Gorleben wurde jahrzehntelang für die Endlagerung von hoch radioaktivem Atommüll erkundet.

Analyse

Aus für Gorleben als Endlager besiegelt

Das Wendland war nie als Lagerort für Atommüll geeignet. Der Widerstand dagegen bekommt jetzt recht. Die Analyse.

Das Atomendlagerprojekt Gorleben ist endgültig Geschichte. Das Bergwerk in dem niedersächsischen Salzstock wird geschlossen und im Laufe der nächsten zehn Jahre verfüllt, wie das Bundesumweltministerium jetzt mitgeteilt hat. Allerdings: Frei von nuklearen Altlasten ist der lange heftig umkämpfte Standort damit noch lange nicht. Im Gorlebener Zwischenlager, ganz in der Nähe der Schachtanlage, wird weiterhin in Castorbehältern stark strahlender Atommüll stehen, mindestens bis 2050.

Eigentlich ist das Bergwerk Gorleben schon seit einem Jahr aus der Endlagersuche ausgeschieden. Damals veröffentlichte die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) ihren „Zwischenbericht Teilgebiete“, der bundesweit geeignete Regionen für das Projekt definiert. Der Salzstock nahe der Elbe schied damals aus. Die Bewertung: aus geologischen Gründen nicht für die dauerhafte Lagerung von Atommüll geeignet.

Damit bekamen die Gorleben-Gegner:innen recht, die über vier Jahrzehnte lang mit eben diesem Argument gegen das Endlager gekämpft hatten. Doch bis zuletzt trieb sie die Sorge um, das schon weit ausgebaute Bergwerk könne doch noch in Reserve gehalten werden – für den Fall, dass anderswo in der Republik die Endlagersuche künftig auf ähnlich harten Protest treffen würde. Das ist nun vom Tisch. Der Bund beauftragt die BGE mit der Verfüllung der Schächte und Strecken. Sie wird das Salzgestein wieder dorthin verfrachten, von wo es vor Jahrzehnten herausgeholt wurde.

„Das Kapitel Endlager Gorleben wird ab dem heutigen Tag geschlossen“, kommentierte Umwelt-Staatssekretär Jochen Flasbarth (SPD). Er hoffe, dass in der Region nun die Wunden aus dem jahrzehntelangen Streit um Gorleben heilen könnten. Die Politik habe aus diesem Konflikt gelernt. „Am Ende muss gut nachvollziehbar sein, aus welchen Gründen ein Standort gewählt wurde“, sagte er.

Das genau war in Gorleben nicht der Fall gewesen. Der damalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) wählte den Standort an der früheren innerdeutschen Grenze 1977 aus, obwohl er, wie sich später herausstellte, auf einer Liste von geeigneten Salzstöcken nur unter „ferner liefen“ stand. Offenbar hatte die abgeschiedene Lage der dünn besiedelten Region den Ausschlag gegeben. Albrecht sagte damals, „entweder Gorleben – oder gar kein Standort in Niedersachsen“. Völlig unerwartet formierte sich schnell und dauerhaft Widerstand in der Region gegen das geplante „nationale Entsorgungszentrum“ aus Endlager, Zwischenlager und Wiederaufarbeitungsanlage (WAA). Später eskalierten die Proteste, als Castortransporte mit Atommüll aus den WAAs La Hague und Sellafield in das in Gorleben entstandene zentrale Zwischenlager geschafft wurden.

Die CDU-geführten Regierungen in Niedersachsen und im Bund kippten zwar den WAA-Plan. Sie hielten aber am Endlager fest, und zwar auch, nachdem die Physikalisch-Technische Bundesanstalt 1983 sich in ihrem Gutachten für eine alternative Standortsuche ausgesprochen hatte. Dieser Passus musste, wie die FR Jahre später aufdeckte, auf politischen Druck gestrichen werden. Neu in den Text kam das Kunstwort, Gorleben sei „eignungshöffig“, was so viel heißen sollte wie: Es besteht Hoffnung auf Eignung. Ein Bundestagsuntersuchungsausschuss arbeitete das ab 2012 auf.

In Gorleben wurde nach 1983 das Bergwerk ausgebaut, offiziell zwar nur zur „Erkundung“, tatsächlich aber so aufwendig, wie es für einen Endlagerbetrieb nötig gewesen wäre. Insgesamt kostete das Projekt 1,9 Milliarden Euro, finanziert vor allem von Stromkonzernen, also durch die Stromkunden und -kundinnen. Alleine die Offenhaltung nach dem 2012 vom Bund verfügten Baustopp schlug mit 20 Millionen pro Jahr zu Buche. Die Kosten für den nun anstehenden Rückbau sind offen.

Während die Fördertürme und bis Ende des Jahrzehnts auch die Salzhalde verschwinden werden, wird das oberirdische Zwischenlager mit 113 Castoren wohl noch mindestens drei Jahrzehnte bestehen bleiben. Denn erst zur Jahrhundertmitte ist die Inbetriebnahme des zukünftigen Endlagers geplant, für das 2017 ein neues Auswahlverfahren gestartet wurde.

Der Zeitplan sieht vor, dass der bundesweit beste Standort 2031 feststeht. Danach beginnt der aufwendige Bau des unterirdischen Lagers. Bis die Einlagerung der Castoren beginnen kann, die in Gorleben sowie 15 weiteren Zwischenlagern in Ahaus (NRW) und an AKW-Standorten stehen, werden weitere zwei Jahrzehnte vergehen. Neue Castoren werden nicht mehr nach Gorleben rollen, die 307 dort noch vorhandenen Stellplätze bleiben leer.

Trotzdem wird es noch sehr lange dauern, bis der Standort im Wendland wieder eine komplett „grüne Wiese“ ist. Die erste Generation der Gorleben-Gegner:innen wird das nicht mehr erleben.

Joachim Wille ist langjähriger Autor der Frankfurter Rundschau. Er hat die Auseinandersetzungen um Gorleben seit den 1980ern journalistisch begleitet.

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