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Kolumne

Die Augen des Clochards

Wie Michel Houellebecq einmal das Ruhrgebiet betrachtete und wie er erfolgreich Raubbau an sich selbst betreibt.

Von Martina Meister

Ich mag Michel Houellebecq sehr. Das ist vermutlich inzwischen genauso wenig gesellschaftsfähig, wie Stalin zu mögen. Meine letzte Begegnung mit ihm liegt Jahre zurück. Wir saßen vor einer Fabrikhalle in Bochum. Ruhrfestspiele. Er sollte eines seiner Bücher vorstellen, mit anderen Autoren diskutieren. Es war Sommer, es war warm und er trug seinen grünen Parka wie eine Rüstung. Nicht mal auf dem Podium legte er ihn ab. Aus den speckigen Ärmeln stachen hin und wieder fahrig seine Hände heraus, die Finger gelb vom Nikotin. Er rauchte Kette.

Zu seinen Füßen saß sein Hund Clément, ein Welsh Corgi, das einzige Wesen, zu dem er in den letzten Jahren eine tiefe Beziehung aufgebaut hatte. Inzwischen ist Clément tot und es heißt, dass nicht mal der Prix Goncourt ihn über diesen Verlust hinweggetröstet habe. Der Corgi passte zu ihm, fand ich. Kurzbeinig, unproportioniert, spitzohrig und, selbst wenn das an Majestätsbeleidigung grenzen mag, weil auch die Queen die Rasse liebt, irgendwie hässlich.

Wir sprachen über das Ruhrgebiet. Brachen, stillgelegte Zechen, die postindustrielle Leere, gepaart mit der seelenlosen Architektur des Nachkriegsdeutschlands, begeisterte ihn. „C‚est très beau“, fand Houellebecq. Ich hielt das für Provokation, kam ihm mit der Ästhetik des Hässlichen, aber es schwang keinerlei Ironie in seinem Urteil mit. Er tat alles, dachte ich damals, um die Ästhetik des Niedergangs zu verkörpern. Auf dem Weg zurück in sein Hotel in Köln fuhr er 40 auf einer deutschen Autobahn. Später hörte ich, dass sein Zimmer bis auf die nichtentflammbaren Materialien komplett abgebrannt war.

Neulich spielte Houellebecq die Hauptrolle in einem Film mit dem bezeichnenden Titel „Near Death Experience“, der die Geschichte eines Angestellten eines Callcenters erzählt, der nach einem Burn-out Selbstmord begehen will. Es ist sicher kein Jahrhundertwerk, aber der Film zeigt, wie erfolgreich Houellebecq Raubbau an seinem Körper betrieben hat. Sein Haar ist krauser, dünner, aber dafür länger geworden. Seine Silhouette hagerer, die Augen sitzen tiefer. Irgendeiner hat ihn mal als den Clochard der französischen Literatur bezeichnet. Vielleicht ist das die eigentliche Frage der gegenwärtigen Debatte: Wie gelingt es ihm, weiterzuarbeiten?

Aber irgendwie ist auf Houellebecq Verlass. Jedes Buch eine Bombe, jede Phrase ein Brandsatz. Vor mehr als zehn Jahren behauptete er, der Islam sei die dümmste Religion überhaupt. Jetzt schildert er die moslemische Republik Frankreich als eine solche Idylle, dass sein jüngster Roman selbst den Pegida-Pöbel zum Islam konvertieren lassen müsste. Einmal verteidigte er den Sextourismus. Ein anderes Mal sagte er: „Stalin mag ich wirklich sehr.“ Mich hat diese politisch unkorrekte Seite an ihm nie gestört. Im Gegenteil. Sie ist sein eigentliches Talent: „Ich nehme wahr, das ist alles und das gelingt mir nur, weil ich keine vorgefasste Meinung habe. Ich bin neutral.“

Als er nach vielen Jahren aus dem Steuerexil in die französische Heimat zurückkehrte, kommentierte er seinen Umzug lapidar: „Sie ist für mich nur ein Hotel, nichts weiter.“ Unter moslemischer Direktion herrscht im Hotel Frankreich des Jahres 2022 ein Optimismus, den es seit dem Wirtschaftswunder nicht mehr gegeben hat. Das klingt unwahrscheinlich. Aber wer weiß. Inschallah.

Martina Meister lebt als Autorin in Paris.

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