Kolumne

Aufrechter Gang ist gut. Niederknien ist manchmal noch besser

  • vonManfred Niekisch
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Das Gehen auf zwei Beinen beherrscht der Mensch besser als die meisten Tiere. Aber es gibt auch eine Geste, die nur uns gelingt: das Niederknien.

Guggenmosi klingt wie ein Kosename, irgendwie liebevoll. Dabei ist es der wissenschaftliche Artname eines kürzlich entdeckten Vorfahren des Menschen, Danuvius guggenmosi, und eine Hommage an den Amateur-Archäologen Sigulf Guggenmos, der am Fundort dieses Affenskeletts im Ostallgäu vor fünf Jahrzehnten die ersten Fossilien ausgegraben hatte.

Mehr als zwölf Millionen Jahre ist es her, dass die Evolution diesem Menschenaffen die Idee einhauchte, er solle doch mit aufrechtem Gang durch die Bäume klettern. Kraxeln mit gestreckten Gliedmaßen nennt die Paläontologin Madelaine Böhme das, die den Vorläufer des Menschen ausgrub und seine Bedeutung erkannte.

Das neu entdeckte Bindeglied zwischen Affen und Mensch führt uns wieder einmal vor Augen, dass die Trennlinie zwischen uns und unserer tierischen Verwandtschaft umso stärker verwischt, je tiefer wir forschend in die Zusammenhänge eindringen. Auf unseren aufrechten Gang können wir stolz sein, denn den macht uns in dieser Perfektion keiner nach, wenn wir einmal von den Pinguinen absehen. So hat der Mensch die Hände frei für das, was er tun will.

Allerdings zeigen Blicke ins alltägliche Straßenbild, dass wir uns anscheinend in einer rückwärts gewandten Evolution befinden. Wir geben den mühsam erworbenen aufrechten Gang allmählich wieder auf, ein Gedanke, der sich unweigerlich aufdrängt, wenn man jemanden beim Herumdaddeln auf dem Handy sieht. Dabei wollte die Natur doch, dass wir aufrecht durchs Leben gehen und uns so den Weitblick bewahren.

Der Autor

Manfred Niekisch ist Biologe und ehemaliger Zoodirektor.

Aufrechter Gang ist jedoch bedrohlich und flößt Angst ein, etwa wenn die Nationalgarde vor dem Weißen Haus Stellung bezieht, um Demonstranten einzuschüchtern. Oder wenn physisch aufrechte Polizei dem bibelbewehrten Präsidenten Trump den Weg zum Fototermin vor einer Kirche mit Tränengas freiräumt. Stilechter, mit Weihrauch, wollte man es wohl gar nicht erst versuchen.

Da ist es doch ein emotional sehr bewegendes Bild der Würde, wenn schwerbewaffnete Polizisten und Soldaten in US-amerikanischen Städten vor demonstrierenden Menschen niederknien, aus Solidarität, aus Respekt vor George Floyd und sogar aus Protest gegen Rassismus in ihren eigenen Reihen. Es ist bestürzend, dass diese Gesten ausgelöst wurden durch Polizisten in Minneapolis, die sich auf den wehrlosen Floyd knieten.

Sie haben das Hinknien nicht als Geste der Demut eingesetzt, sondern ganz im Gegenteil als tödliche Folter. Damit entlarvten sie nicht nur den Rassismus in den USA, sondern auch ihren Präsidenten als repressiven Spalter einer ganzen Nation.

Ein Kniefall schrieb vor knapp 50 Jahren Weltgeschichte, als der damalige Bundeskanzler Willy Brandt am Denkmal für die Nazi-Opfer des Ghettos in Warschau auf die Knie fiel. Ein Meilenstein auf dem Weg der Entspannung zwischen Polen und Deutschland. Nach seinen eigenen Worten tat er, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt.

In der Tat sind allein wir Menschen zu einer solchen Geste fähig. Sie passt gut zu aufrechter Haltung, die zu Guggenmosis Zeiten noch ein rein körperliches Merkmal war.

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