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Aufklärung? Na ja!

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Die Philosophin Stangneth erinnert an das Böse und Hässliche.

Die 1966 in Lübeck geborene Bettina Stangneth ist eine weltweit anerkannte deutsche Philosophin. Das ist schon etwas Besonderes. Dass sie keine Professorin ist, macht sie fast schon zu einer Singularität. Ihr neuestes Buch trägt den Titel „Hässliches Sehen“. Es ist Band drei einer Trilogie, die sich mit dem Bösen, der Lüge und dem Hässlichen beschäftigt. Sie befindet sich also auf der Spur der klassischen Trinität des Guten, Wahren und Schönen, der man am besten von hinten zu Leibe rückt.

Ich bin bei der Lektüre noch vor Beginn bei einem Zitat hängen geblieben. Ich nutze diese Gelegenheit, um es unter die Leute zu bringen. Stangneth zitiert einen Brief, den der jüdische Aufklärer Moses Mendelssohn am 1. September 1784 an den Schweizer Gelehrten Johann Georg Zimmermann schickte. Er war mit seinem Buch „Über die Einsamkeit“, eine der großen Abhandlungen über die Melancholie, eine europäische Berühmtheit geworden.

Mendelssohns Sätze zielen aus dem Jahr 1784 mitten hinein in die seelische Verfasstheit unserer Gegenwart: „Wir träumten von nichts als Aufklärung und glaubten, durch das Licht der Vernunft die Gegend so aufgehellt zu finden, dass die Schwärmerei sich gewiss nicht mehr zeigen werde. Allein, wie wir sehen, steiget schon von der anderen Seite des Horizonts die Nacht mit allen ihren Gespenstern wieder empor. Das Fürchterlichste dabei ist, dass das Übel so tätig, so wirksam ist. Die Schwärmerei tut, und die Vernunft begnügt sich zu sprechen.“

Schwärmer wurden die genannt, die nicht forschen, die nicht argumentieren mussten. Tatsachen und Argumente sind in ihren Augen nichts anderes als Fake News, die sich ihrem Handeln in den Weg stellen. Sie gehören, so meinen sie, bei Seite geräumt. Die Vorstellung, man könne die Welt einmal so hell bekommen, dass alles, was ist, klar und deutlich zu erkennen sei, sich nicht mehr leugnen ließe, war wohl schon immer eine rührende Fehleinschätzung. Daran erinnert Bettina Stangneth. Dafür danken wir ihr.

Bettina Stangneth: Hässliches Sehen, Rowohlt, 160 S., 20 Euro. 

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