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Bernie Sanders (links) und Joe Biden - einer von ihnen wird gegen US-Präsident Donald Trump kandieren, auch wenn keiner idealer Herausforderer ist.

Leitartikel

Die Auferstehung

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Joe Biden oder Bernie Sanders? So lautet das Duell bei den US-Demokraten. Keiner ist der ideale Herausforderer von Präsident Donald Trump. Vor allem Biden braucht dafür eine andere Botschaft. Der Leitartikel.

Selten hat ein Präsidentschaftsbewerber in den USA eine derart wilde Achterbahnfahrt hingelegt wie Joe Biden. Mit zweistelligem Vorsprung führte der ehemalige Vizepräsident bei allen Umfragen lange die Kandidatenriege der Demokraten an. Dann stürzte er bei den Vorwahlen in Iowa und New Hampshire ab, hatte kein Geld mehr und schien politisch erledigt. Doch am Super Tuesday, dem Mammut-Abstimmungstag in 14 Bundesstaaten, ist dem 77-Jährigen eine fulminante Auferstehung gelungen.

Noch sind nicht alle Wahlbezirke ausgezählt. Doch die Tendenz ist eindrucksvoll: Biden hat in der Mehrzahl der Staaten gewonnen, er hat überall massiv gegenüber den Prognosen zugelegt, und ihm ist es gelungen, einen Staat wie Minnesota, der vor vier Jahren noch klar an den linken Senator Bernie Sanders gefallen war, für sich zu gewinnen. Dass der bei Latinos beliebte Sanders die Mehrheit im bevölkerungsreichen Kalifornien holen würde, war erwartet worden. Eine kleine Sensation ist aber, dass Biden in Texas mit vielen Latino-Wählern an seinem innerparteilichen Rivalen vorbeizog.

Bidens größte Trophäe aber ist das Ausscheiden des Multi-Milliardärs Mike Bloomberg aus dem Rennen. Mit aberwitzigen Werbemitteln hatte der Unternehmer, dessen Ziel es eigentlich ist, Sanders zu verhindern, tatsächlich Biden wichtige Unterstützer im moderaten Lager abgeluchst. Doch sein Versuch, die Wahl quasi zu kaufen, ist gescheitert. Nun will er Biden unterstützen, dessen Kampagne zuletzt arge Finanzprobleme hatte.

Sanders oder Biden? So lautet nun die Schicksalsfrage der US-Demokraten. Nachdem mehr als ein Drittel der Delegiertenstimmen vergeben sind, hat sich der einstige Massen-Wettstreit um die Rolle des Trump-Herausforderers auf ein Duell verengt. Das ist sehr schade und auch unfair gegenüber der linken Senatorin Elizabeth Warren, die für die wohl inhaltlichste und ernsthafteste Kampagne nicht belohnt wurde.

Nun haben nur noch Sanders und Biden eine realistische Chance auf die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten. Ideale Besetzungen sind beide nicht, schon weil sie als weiße Männer in den End-Siebzigern kaum die Vielfalt der demokratischen Wählerschaft verkörpern. Der griesgrämige Alt-Revoluzzer Sanders predigt seit vier Jahrzehnten die immer gleiche Kampfansage gegen soziale Ungleichheit und die Macht der Konzerne. Seine unbeugsame und rigorose Art kommt bei den Jungen gut an, die vom kapitalistischen System enttäuscht sind. Doch die revolutionäre Rhetorik dürfte mindestens so viele strukturkonservative Wähler im Mittleren Westen und den Vorstädten verschrecken und die Polarisierung des zerrissenen Landes noch weiter verstärken.

Als gesellschaftlicher Versöhner nach den Jahren des Hasspredigers Donald Trump scheint Biden deutlich besser geeignet. Doch so beeindruckend die persönliche Lebensgeschichte des einstigen Obama-Vize ist, so kraftlos und erratisch fielen öfter seine Auftritte aus, bei denen man fürchten musste, dass die Sätze im Nirwana enden.

Die massive Unterstützung, die Biden zuletzt von prominenten Afro-Amerikanern und ehemaligen Wettbewerbern erhielt, wirkte wie der verzweifelte Versuch, aus dem zersplitterten moderaten Kandidatenfeld zumindest einen Bewerber als Bollwerk gegen Sanders zu stabilisieren.

Doch die Strategie scheint aufgegangen zu sein. Seit dem Erdrutschsieg von South Carolina ist Biden wieder im Rennen, und er strahlt ungeahnte Energie und einen neuen Kampfgeist aus. Lange war die demokratische Basis unentschieden. Nun wandert sie zu dem Mann, dem sie die besseren Chancen einräumt, Donald Trump zu schlagen.

In Zeiten von Corona-Angst und Börsenbeben scheint zudem die Lust auf revolutionäre Experimente à la Sanders nachzulassen. Mit seiner Empathie, der persönlichen Integrität und der jahrzehntelangen Erfahrung wirkt Biden wie ein Sicherheitsanker.

Ob die Siegesserie in den kommenden Wochen anhält, ist offen. Klar aber ist, dass Biden jüngere Gesichter und eine professionellere Truppe um sich scharen muss. Vor allem braucht er ein ambitionierteres Programm und klare Botschaften für die Zukunft. So verlockend die Obama-Nostalgie auf seinen Kundgebungen ist – mit einer bloßen Retro-Show wird er Trump sicher nicht aus dem Oval Office vertreiben können.  

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