Kolumne

Aufdringliche Algorithmen

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Youtube scheint mich ganz gut zu kennen. Doch die durchaus nützlichen Hinweise haben auch etwas Verstörendes. Die Kolumne.

Wenn ich sage, dass ich mich als Youtuber betrachte, sollte das nicht falsch verstanden werden. Ich versuche keineswegs, mir damit eine alerte Jugendlichkeit zu attestieren. Ich gebe weder Schminktipps noch sage ich den Leuten da draußen, wie der Hase läuft. Eher ist es umgekehrt.

Die Videoplattform Youtube versorgt mich regelmäßig mit Produkthinweisen. Dieses oder jenes möchte ich mir bitte ansehen. Wenn das Internet auf mich zukommt, strahlt es immer eine gesteigerte Dringlichkeit aus. Nichts kann heute mehr warten.

Habe ich mich anfangs über die Empfehlungen mehr gewundert als geärgert, muss ich nun eingestehen, dass die mich auf diese Weise bedienenden und manchmal auch belästigenden Algorithmen ganz gut kennen. Es ist immer etwas dabei.

Kürzlich zum Beispiel dies: „The Final Performance of Johnny Cash“. Es zeigt den großen alten Country-Man bei einem intimen Auftritt vor ein paar Dutzend Leuten im Juni 2003. Seine Frau June Carter Cash war kurz zuvor gestorben, Johnny Cash folgte ihr am 12. September. Mit diesem kleinen Konzert zollte er ihr ein letztes Mal öffentlich Tribut.

Aus dem Film „Walk The Line“ von James Mangold (mit Joaquin Phoenix und Reese Witherspoon) wissen wir, dass Cash seine spätere Frau June dereinst auf der Bühne gefragt hatte, ob sie seine Frau werden wolle.

Sie fühlte sich damals ein wenig überrumpelt, aber dem Charme des charakterlich nicht ganz einfachen Mannes konnte und wollte sie sich damals nicht entziehen. So jedenfalls erzählt es der Spielfilm.

Die Youtube-Sequenz aber war eine Flaschenpost aus dem richtigen Leben. Während also der Auftritt von Johnny Cash feierlich angesagt wurde, saß dieser in einem Rollstuhl. Als es losgehen sollte, hievte man ihn umständlich auf einen feststehenden Stuhl ohne Armlehnen, so dass er in der Lage war, Gitarre zu spielen.

Das Konzert dauert etwas länger als eine halbe Stunde, keine Sekunde haben meine Augen abgelassen von diesem in schlechter Bildqualität aufgenommenen interessanten Dokument. Johnny Cash singt und spielt buchstäblich mit letzter Kraft. In der Mitte des kurzen Auftritts singt Johnny Cash „Ring of Fire“, June Carter Cash hat es einst für ihn geschrieben.

Das Video ist keineswegs neu, es wurde bereits mehr als sechs Millionen Mal angesehen. Auch wenn man weiß, dass mit den ausgewiesenen Klickzahlen allerlei Schindluder getrieben werden kann, glaube ich tatsächlich, dass es in diesem Fall von den meisten Nutzern in voller Länge angesehen und nicht bloß angeklickt wurde.

Wer etwas mit dem Namen Cash verbindet, wird berührt sein. Youtube lässt es dabei nicht bewenden. Wenn man nicht auf Stopp drückt, folgen weitere Videos des Sängers, auch ein hinreißender gemeinsamer Auftritt mit June Carter Cash wenige Jahre zuvor.

Die digitale Versorgungsstrategie ist allerdings weit komplexer. Die Verbindung zum Abschweifen ist bereits mit eingebaut. Es erscheinen andere visuelle und akustische Angebote, die mit der ursprünglichen Suche nichts mehr zu tun haben. So kann einige Zeit vergehen.

Der sentimentale Überfall blieb nicht folgenlos. Wenig später fühlte ich mich schlecht. Ich gab ein paar störende Suchbegriffe ein, irgendetwas Atonales, Schrilles. Der Algorithmus soll es nicht zu leicht mit mir haben.

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