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Ein Junge trauert vor Blumen, die vor der Mauer eines Zauns am Botanischen Gärten im Zentrum von Christchurch niedergelegt wurden.

Attentat von Christchurch

Terror im Namen der Identität

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Das Attentat von Neuseeland steht für einen Terrorismus, der nur ein Gesetz kennt: das der Vorherrschaft der eigenen Gruppe. Der Leitartikel.

Eine Szene in einer Kfz-Werkstatt, Anfang dieser Woche, irgendwo im verregneten Norddeutschland, 18.300 Kilometer von Neuseeland entfernt: Ein Familienvater, Mitarbeiter eines örtlichen Zeitungsverlags, holt seinen Privatwagen aus der Reparatur ab. Der Mechaniker im leicht verschmierten Blaumann kommt auf die Zeitung zu sprechen: „Sie berichten ja leider nicht darüber, ist schon klar: Sie dürfen das ja nicht.“ – Was denn, worum geht’s? „Na, dass wir alle ausgetauscht und ersetzt werden sollen, durch Moslems und Migranten aller Art.“ Der Familienvater rätselt später: Was ist los mit dem Mann? Der Mechaniker wirkte aufgeräumt, seine Bemerkung war nicht als Scherz gedacht. Ist er das Opfer einer Verschwörungstheorie im Internet? Oder vielleicht ein leiser Psychotiker, der die Welt um sich herum als Fabrikation verdeckter Manipulateure sieht?

Alles wirkt irgendwie putzig, eigentlich lächerlich. Doch dann folgt, am Freitagmorgen, ein Eishauch: Die Botschaft des Mannes im Blaumann war genau die gleiche, die Rassisten im Internet hinterließen, nachdem 49 Menschen in zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch ermordet wurden.

„Der große Austausch“: So ist das 75 Seiten lange Dokument überschrieben. Seine Bluttat filmte der Massenmörder von Christchurch per Helmkamera, zu sehen war alles live im Internet, verbunden mit Hinweisen auf das PDF, zum bequemen Runterladen.

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Stumm blickt die Welt auf einen Terrorismus, der den Tod Unschuldiger mehr denn je zum bloßen Trommelwirbel degradiert hat. Die eigentliche Attacke zielt auf die Herzen und Hirne des globalen Publikums. Bei ihnen allen soll jetzt die rechtsextremistische Austausch-Theorie als neuer Gedanke installiert werden. Und ihnen allen wird ein klares Feindbild vor Augen geführt, zum Beispiel in Gestalt von Angela Merkel, die der Täter auf Platz Nummer eins der weltweiten „Todesliste“ gesetzt hat.

Sieg oder Vernichtung

Terror im Namen der Identität: Dies ist die bislang gefährlichste Variante aller politisch begründeten Gewaltserien. Frühere Terrorbanden, etwa linke Guerillas in Lateinamerika, wollten das „System“ verändern oder die Besitzverhältnisse. Andere Terroristen kämpften für regionale Autonomie, vom Baskenland bis Kurdistan. Beim Terror im Namen der Identität aber ist alles ganz anders, viel unheimlicher. Hier gibt es keine Ziele, über die sich reden ließe. Es gibt auch keine Verhandlung, die man führen könnte. Hier geht es um alles oder nichts: Vorherrschaft des einen – oder eben des anderen. Sieg oder Vernichtung.

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Seit Jahrzehnten kreisen kluge Debatten um die Frage, ob Fehler des Westens beigetragen haben zum islamistischen Terror – oder ob umgekehrt der islamistische Terror erst den Rassismus und den Nationalismus im Westen richtig angeschoben hat. Man sollte jetzt aufhören mit diesem Streit und sich auf die aktuelle Gefahrenabwehr konzentrieren: Gegen beides muss die Staatengemeinschaft entschlossener als bisher vorgehen.

Die Botschaft islamischer Fundamentalisten an ihre Follower ist dieselbe wie die der weißen Rassisten an ihresgleichen. „Du gehörst zu einer Gruppe, die in Gefahr ist“, predigen die Verführer auf beiden Seiten. „Es wird jetzt Zeit, dass du dich erhebst, denn ein historischer Kampf muss jetzt endlich ausgefochten werden zwischen uns und denen, die anders sind.“

Wenn dieses Denken sich ausbreitet, ist die Welt verloren. Die modernen Gesellschaften müssen daran festhalten, die maßgebende Trennlinie zwischen denen zu ziehen, die sich an die Gesetze halten, und denen, die das nicht tun – unabhängig von Herkunft, Rasse und Religion. An diesem Grundsatz festzuhalten, ist keine überkommene Law-and-Order-Mentalität. Es ist auch kein multikultureller Spleen. Es ist eine zivilisatorische Notwendigkeit. Wenn Terror im Namen der Identität diesen Grundsatz zerbröseln lässt, fallen wir historisch zurück – nicht nur in die Zeit ohne EU, sondern gleich ein paar Jahrhunderte weiter, hinter den Westfälischen Frieden von 1648.

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