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Premier Benjamin Netanjahu setzt auf militärische Stärke.
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Premier Benjamin Netanjahu setzt auf militärische Stärke.

Israel

Attacken sind Akte der Verzweiflung

  • Inge Günther
    VonInge Günther
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Israels Premier Netanjahu sieht die Messerattacken auf Israelis als Beispiel für islamistischen Terror. Doch bisher waren nur wenige Angreifer religiös motiviert, ihr Hass hat andere Ursachen. Eine Analyse.

Soldaten mit schwarzen Gesichtsmasken sind an der zentralen Kreuzung des Gusch Etzion-Siedlerblocks positioniert. Der Verkehrsknotenpunkt zwischen Bethlehem und Hebron ist zusätzlich mit Betonquadern und Wachhäuschen gesichert. Israel setzt auf militärische Architektur als Abwehrmaßnahme gegen die jüngste Terrorwelle. Zehn versuchte oder erfolgte palästinensische Anschläge geschahen hier, an die fatalsten erinnern improvisierte Gedenksteine und welke Blumen. Drei Menschen – ein Amerikaner, ein Israeli, ein Palästinenser – starben an dieser Stelle, als ein Palästinenser aus Hebron kürzlich seinen Wagen in eine Wartemenge rammte. Wenige Meter entfernt wurde eine 21-Jährige erstochen.

Palästinensische Autofahrer dürfen die Straße seitdem nur noch nach akribischer Kontrolle passieren. Noch lieber wäre Davidi Perl, Chef des Siedlerrates von Gusch Etzion, wenn sie auf eine schmale Umfahrungsstrecke umgeleitet würden. Er findet ohnehin, dass dieses Gebiet jüdisches Land ist und allein Israel gehört. Neben den Armeejeeps inmitten des Kreisverkehrs haben seine Leute weiß-blaue Schilder aufgestellt. „Die Zeit ist reif für israelische Souveränität“, steht darauf. Perl lässt keinen Zweifel, was damit gemeint ist: „Wir sollten ganz Judäa und Samaria annektieren“, erklärt er.

Das allerdings wäre das sicherste Rezept, dass sich die seit nunmehr zwei Monaten anhaltende Gewaltwelle zu einem Tsunami auswächst. Fürsprecher einer Annexion finden sich auch unter den Nationalrechten in der israelischen Regierung. Premier Benjamin Netanjahu, der derzeit keine weitere Kollision mit der internationalen Gemeinschaft riskieren will, vermeidet solche Begriffe. Er setzt auf Verständnis der Welt, wenn Israel jetzt harte Bandagen gegen die Palästinenser aufzieht. Seit den Attentaten von Paris propagiert er, dass der Terror überall die gleiche Ursache hat: den radikalen Islam, ob er sich nun gegen Israelis oder gegen Franzosen richte.

Akte einer verzweifelten Auflehnung

Es zeugt von Arroganz der Macht, die Unterschiede nicht zur Kenntnis zu nehmen. Der IS-Terror entspringt einem totalitären Denken, das alle Andersgläubigen unterwerfen will. Die palästinensischen Attacken sind eher Akte einer verzweifelten Auflehnung gegen die israelische Besatzung, eine Intifada ohne Führung. Der jüngste Messerstecher war elf Jahre alt und wuchs in einem Flüchtlingslager auf. Die älteste „Amokfahrerin“ war über siebzig Jahre alt und kam aus Hebron. Neben auffällig vielen Teenagern waren auch Familienväter unter den Angreifern.

Ja, es stimmt, die Hamas in Gaza, die ein Interesse an einer Eskalation im Westjordanland hat, um die moderate Autonomieführung zu schwächen, trägt erheblich zur Hetze in den sozialen Medien bei. Dort kursiert eine Menge an aufstachelnden Videos, die die Täter zu Märtyrern glorifizieren. Aber islamistisch motiviert waren bislang die Wenigsten, die für sich beschlossen, sich mit einer Stichwaffe in den Händen auf Israelis zu stürzen, wohl wissend, dass sie den eigenen Tod in Kauf nehmen.Die Allermeisten hatten nichts mit irgendeiner Organisation am Hut. Einer der Attentäter hinterließ daheim eine Botschaft an die Hamas, sie solle bloß nicht wagen, sich zu seiner Tat zu bekennen. „Ich verachte euch.“

Es ist die Generation von „Oslo“, der Enttäuschten über einen illusionären Friedensprozess, die rebelliert: gegen Israel, gegen die eigene Führung, gegen die etablierten palästinensischen Organisationen. Sie sieht keine Zukunft für sich und hat nichts zu verlieren. Mit militärischen Mitteln allein wird sie nicht zu bändigen sein. Im israelischen Sicherheitsapparat sind sich manche dessen bewusst. Die Regierung Netanjahu will davon jedoch nichts hören. Bei einer Anhörung zur Lage zog sich Herzl Halevi vom militärischen Geheimdienst den Zorn der Minister zu, als er ihnen drei Gründe als Auslöser der Gewalt nannte.

Neben den Spannungen auf dem Jerusalemer Tempelberg listete er auch den Brandanschlag in dem Westbank-Dorf Duma mit drei toten Palästinensern auf. Die mutmaßlichen Täter aus der radikalen Siedlerszene ließ Israel bis heute ungeschoren, um V-Leute nicht auffliegen zu lassen. Hinzu komme ein umfassendes Gefühl der Frustration und Hoffnungslosigkeit, so Halevi, der sich daraufhin den Vorwurf gefallen lassen musste, er betreibe Sympathiewerbung für Terroristen.

Nicht von ungefähr stammten ebenso Vorschläge, wie Spannungen abzubauen seien, aus Kreisen der Armee, zum Beispiel die Empfehlung, den Palästinensern gewisse Baurechte in den von Israel kontrollierten Teilen des Westjordanlandes zuzugestehen. Doch nach der Terrornacht in Paris ist mit Netanjahu weder darüber noch über einen Siedlungsstopp zu reden. Eine Erfahrung, die auch US-Außenminister John Kerry bei seiner jüngsten Vermittlungsmission in Jerusalem machte. Seine Gespräche in Ramallah verliefen nicht weniger erfolglos. Palästinenserführer Mahmud Abbas schaltete auf stur. Solange Israel kein Entgegenkommen zeigt, lässt er die Dinge laufen. Kerry reiste unverrichteter Dinge ab und wird wohl nicht so schnell wiederkommen.

Ein letztes Bindeglied ist die israelisch-palästinensische Sicherheitskooperation, die auf niedrigem Niveau noch zu funktionieren scheint. „Uns liegt daran, aber wir sprechen nicht gerne darüber“, meint Armeesprecher Peter Lerner. Dieser Rest an Zusammenarbeit kann noch vielleicht Schlimmstes verhindern. Mehr nicht.

Derweil radikalisieren sich beide Gesellschaften mit jedem neuen Opfer weiter. So bleibt nur ein pessimistischer Befund. Ein Umdenken wird allenfalls stattfinden, wenn die Lage dies erzwingt.

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