Kolumne

Atemnot

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Im Pflegeheim ging es meiner Mutter etwas schlechter. Sie löste einen größeren Rettungseinsatz aus. Das Naheliegende blieb auf der Strecke. Die Kolumne.

In den Gesichtszügen meiner Mutter war ein leichter Anflug von Panik zu erkennen. Sie hatte über Atemnot geklagt: „Ich geh‘ wohl bald tot“, sagte sie, als gehe es ihr doch darum, der Situation ihre Dramatik zu nehmen. Wer über den Tod spricht, blickt ihm noch nicht ins Auge, selbst wenn man 99 Jahre alt ist.

Aber die Lage war durchaus ernst. Meine Mutter atmete hektisch und schnell, an den Fußgelenken schienen sich Ödeme gebildet zu haben. Ich war mit der Situation vertraut. Wassereinlagerungen im ganzen Körper hatten zwei Jahre zuvor überhaupt erst den Umzug in ein Pflegewohnheim ausgelöst.

Die Pflegerinnen versuchten, sie zu beruhigen, zugleich aber wurde beratschlagt, ob nicht schnellstens ein Arzt herbeizurufen sei. Das hieß in diesem Fall aber: Ein Rettungsdienst muss her. Die kleine, besonnene Lösung, die beruhigende Expertise eines Arztes, ist im System nicht vorgesehen.

Es dauerte nicht lange und ein Feuerwehrauto mit Blaulicht fuhr vor. In solchen Momenten, die in Berliner Pflegeheimen an der Tagesordnung sind, vermag man sich der Professionalität, mit der die Rettungssanitäter ihre Gerätschaften vorbereiten und kurz angebunden die nötigen Fragen stellen, kaum verschließen.

Der Apparat spult sein Programm ab. In der Zwischenzeit versuchte ich, meine Mutter, schonend auf den nächsten Schritt vorzubereiten. „Du kommst zur Untersuchung ins Krankhaus, mach dir keine Sorgen.“ Es gehe ihr doch schon wieder besser, sagte sie beinahe flehend. Und als sich die Tür des Krankenwagens schloss, rief sie resigniert: „Lass mich nicht allein.“

Mehr als vier Stunden später, kurz vor Mitternacht, erreichte mich ein Anruf aus dem Krankenhaus. Meine Mutter hatte in der endlos langen Aufnahmeprozedur eine Blutentnahme und weitergehende Untersuchungen verweigert. Nach mehreren Krankenhausaufenthalten schien sie es leid zu sein, als Objekt einer umständlichen Notfalllogistik zu dienen.

Meine Hoffnung, dass die fortgeschrittene Demenz ihre Erinnerungen an vorangegangene Krankenhausaufenthalte gelöscht haben möge, erfüllte sich nicht. Also hatte sie mit der ihr zur Verfügung stehenden Kraft „Nein“ gesagt.

Ich verständigte mich mit dem Arzt darauf, es nicht weiter zu versuchen. Er hielt es für vertretbar, ihr ein Medikament zu Entwässerung zu verschreiben, machte mich aber darauf aufmerksam, dass dies lediglich auf der Basis einer eingeschränkten Diagnose erfolgen könne. Ich dankte ihm für den Vorschlag. In vorausgegangenen Situationen hatte ich wiederholt erlebt, dass insbesondere junge Ärzte auf einer umfänglichen Untersuchung bestanden haben.

Am nächsten Tag ging es meiner Mutter bereits wieder besser. Gemeinsam waren wir Zeugen einer unerbittlichen Funktionstüchtigkeit des Gesundheitssystems geworden. Eine angemessene ärztliche Einschätzung stand zwar von Beginn an im Raum, war aber aus rechtlichen Gründen weder gegenüber dem Pflegeheim noch den Rettungssanitätern durchzusetzen. Auf die Vagheit des gesunden Menschenverstands mochte sich niemand verlassen. Man will auf Nummer sicher gehen.

Verläuft es in anderen gesellschaftlichen Bereichen nicht genauso? Das Naheliegende steht immer häufiger im Widerspruch zur systemischen Logik. So sind halt die Vorschriften. Erholen können wir uns später.

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