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Atemberaubender Skandalsender MDR

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Der Mitteldeutsche Rundfunk ist in einem äußerst desolaten Zustand, und es ist nicht zu erwarten, dass sich daran schnell etwas ändert – auch wenn der Sender nun eine neue Intendantin hat.

Von Ralf Mielke

Angesichts des atemberaubenden Tempos, in dem zuletzt Skandalmeldung auf Skandalmeldung folgte, richtet sich der Blick immer wieder auf diesen öffentlich-rechtlichen Sender und seine Affärenanfälligkeit.

So ist der Fall des MDR-Unterhaltungschefs Udo Foht, der wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten suspendiert und angezeigt wurde, noch längst nicht aufgeklärt, da empört schon der Auftritt von Mitgliedern des MDR-Fernsehballetts für den tschetschenischen Diktator Kadyrow die demokratisch gesinnte Öffentlichkeit, überholt noch von der Nachricht, der MDR habe beim Bau diverser Sendergebäude gegen eigene Anlagerichtlinien verstoßen. Nahezu alle MDR-Immobilien seien geleast, oft zu hohen Mieten; profitieren würden davon Immobilienfonds. Gebührenverschwendung, so lautet der Vorwurf, den das Magazin Spiegel als Erstes aufbrachte. MDR-Intendant Udo Reiter wies das umgehend zurück.

Reiter ist nur noch wenige Tage im Amt. Seinen eigentlich bis 2015 gültigen Vertrag hat er im Mai gekündigt. Da hatte gerade der Kika-Skandal den Sender erschüttert. Ein spielsüchtiger Herstellungsleiter des vom MDR federführend betriebenen Kinderkanals war dabei erwischt worden, wie er trickreich und völlig unkontrolliert Sendergeld in die eigene Tasche umleitete. Er wurde mittlerweile zu einer Haftstrafe verurteilt – nicht als erster MDR-Angestellter. 2005 flog der damalige Sportchef Wilfried Mohren als bestechlich auf und erhielt eine zweijährige Bewährungsstrafe.

Mehr als zwanzig Jahre wird Reiter den MDR geleitet haben, wenn er am 30. Oktober seinen Posten abgibt. Reiter war es, der den MDR seit 1991 aufgebaut und seine Strukturen – darunter ein schwer zu kontrollierendes Geflecht aus Tochterfirmen – erdacht und geprägt hat. Innerhalb dieser intransparenten Strukturen gedieh eine Atmosphäre der Durchwurstelwirtschaft – guckt ja eh keiner so genau hin – mit den bekannten kriminellen Auswüchsen. Für die ist Reiter nicht persönlich, aber doch in einem politischen Sinne verantwortlich.

Die Konsequenzen aus dieser Verantwortung hätte Reiter schon viel eher ziehen müssen. Seine gutsherrenhafte Art, den MDR zu führen und zum Beispiel mit Gebührengeldern an den Finanzmärkten zu spekulieren, hat den Sender in seinen Anfangsjahren groß gemacht. Später, als diese mindestens ungewöhnlichen Spekulationen zu einem – tatsächlich eher kleinen – Verlust führten, hatten diese einem angeblich höheren Zweck dienenden kleinen Unkorrektheiten zu einem verbreiteten Gefühl des Fünfe-gerade-sein-Lassens geführt, gepaart mit einer Wagenburg-Mentalität: Das geht euch gar nichts an!

Nun liegt es an Reiters Nachfolgerin Karola Wille, die am Sonntag vom Rundfunkrat des MDR gewählt worden ist, den Sender aus der Skandalecke herauszuholen. Dazu braucht es als Erstes: keine neuen Skandale. Und zweitens: Transparenz bei der Aufklärung der alten. Es steht allerdings die Frage im Raum, wie glaubwürdig die künftige MDR-Intendantin Fehlentwicklungen ans Licht bringen kann, für die auch sie selbst als bisherige Vize-Intendantin in der Mitverantwortung stand oder die doch zumindest unter ihren Augen vor sich gingen.

Unabhängig von der persönlichen Integrität Karola Willes täte sich eine von außen kommende Führungskraft leichter, im MDR aufzuräumen. Sie bräuchte keine Rücksichten zu nehmen und wäre unangreifbar, wenn noch weitere Affären aus der Ära Reiter auffliegen.

Doch diese Möglichkeit haben dem Sender ausgerechnet sächsische Landespolitiker verbaut, die für den ersten Wahlgang einen ungeeigneten und daher nicht mehrheitsfähigen Kandidaten ins Rennen schickte. Der Chefredakteur der Leipziger Volkszeitung, Bernd Hilder, der mit besten Absichten angetreten war, hatte im Rundfunkrat keine Chance. Dessen Mitglieder bewiesen mit der Ablehnung von Hilder ein Selbstbewusstsein und eine Unabhängigkeit, die Rundfunk- und Fernsehräten für gewöhnlich abgesprochen werden. Wenn sie künftig ebenso selbstbewusst auf die Aufklärung der MDR-Affären dringen, kann das die künftige Intendantin nur beflügeln.

Die ARD, deren Verbund der MDR angehört, tut gut daran, die Entwicklung genau zu beobachten. Sie, selbst nicht frei von Affären, kann sich einen Skandalsender in den eigenen Reihen nicht leisten. Der scheidende MDR-Intendant Reiter schlug einst vor, die Zahl der ARD-Anstalten zu reduzieren. Wenn keine Besserung in Sicht ist, spricht nichts dagegen, dabei mit dem MDR zu beginnen.

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