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Demonstranten liegen bei einer Aktion der Bewegung Extinction Rebellion im Regierungsviertel auf dem Boden. Anlass ist der neue UN-Bericht zur Biodiversität. Danach sind bis zu eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht.

Leitartikel

Artensterben stoppen

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Appelle verhindern die Zerstörung der Natur nicht. Die Verursacher müssen dafür haften, Nutznießer für Naturleistungen zahlen.

Die Analyse zum Zustand der Natur kommt nicht überraschend. Trotzdem ist sie erschreckend. Der Weltbiodiversitätsrat IPBES hat einen Weckruf an die Weltgemeinschaft gesandt, der nicht überhört werden darf: „Wir erodieren global die eigentliche Basis unserer Volkswirtschaften, Lebensgrundlagen, Nahrungsmittelsicherheit und Lebensqualität.“ So die eindringlichen Worte des Chefs des UN-Gremiums, Robert Watson.

Tatsächlich ist die Menschheit dabei, das sechste große Artensterben in der Erdgeschichte auszulösen. Als fünftes Ereignis dieser Art gilt jene Phase vor rund 66 Millionen Jahren, die durch den Einschlag eines kilometergroßen Asteroiden auf die Erde ausgelöst wurde. Damals starben auch die Dinosaurier aus - und es dauerte Millionen Jahre, bis die Artenvielfalt sich wieder erholte. Diesmal ist kein Meteorit der Auslöser, sondern der Mensch. Die Vision ist genauso apokalyptisch.

Dank des IPBES-Berichts weiß die Welt, wie dramatisch die Lage bereits ist. Die 7,6 Milliarden Menschen verbrauchen die natürlichen Ressourcen und verändern die Oberfläche der Erde in einer Schnelligkeit, die die Fähigkeit der Natur zur Selbsterneuerung übersteigt. Es geht längst nicht mehr nur darum, ob einzelne Arten überleben können oder nicht - seien sie knuddelig-flauschig wie der Pandabär oder hässlich wie die Kihansi-Gischtkröte mit ihrer warzigen Haut. Zunehmend drohen ganze Ökosysteme instabil zu werden, die die Grundlage für Nahrung, sauberes Wasser und frische Luft sind.

Bestreiten lässt sich die Krise der Biodiversität nicht mehr. Die Datengrundlage des 1700 Seiten starken Berichts ist solide wie keine Bestandaufnahme dieser Art bisher. Für den Report haben die Forscher drei Jahre lang rund 15 000 wissenschaftliche Publikationen ausgewertet. Sie dokumentieren, wie sich die Artenvielfalt und die Leistungen der Ökosysteme in den 50 Jahren weltweit verändert haben. Ergebnis: mit wenigen Ausnahmen negativ.

In allen Regionen geht die biologische Vielfalt zurück, warnt der IPBES-Report. Ein paar Beispiele zeigen die Dimension. So sind die Wälder Mittelamerikas seit den 1960er Jahren um ein Viertel geschrumpft. Bei den afrikanischen Säugetier- und Vogelarten droht über die Hälfte bis 2100 dem Klimawandel zum Opfer zu fallen. Im asiatisch-pazifischen Raum könnten ohne Trendwende bis 2050 keine wirtschaftlich nutzbaren Fischbestände mehr existieren. In Europa hat die Zahl der Insekten teils dramatisch abgenommen.

Positiv ist eigentlich nur zu vermelden, dass alle 132 IPBES-Mitgliedsstaaten ihre Unterschrift unter den Bericht gesetzt haben – kein wichtiges Land negiert die Krise, selbst die USA und Brasilien nicht, deren Präsidenten die Ausbeutung der Natur offensiv als Wirtschaftsprogramm pflegen.

Schon sprechen Experten vom „1,5-Grad-Moment“ beim Artenschutz. Das spielt auf den Einfluss des Weltklimarats an. Der hat mit seinem jüngsten Report klargemacht, dass die Erderwärmung nicht bei zwei Grad, sondern bereits bei 1,5 Grad gestoppt werden muss, um sicherzustellen, dass gefährliche Kippelemente im Klima nicht ausgelöst werden.

Ob der Biodiversitätsrat ähnlichen Einfluss haben wird, ist offen. Denn dass der Verlust der Artenvielfalt enorm ist, hatte auch schon 2005 ein UN-Report gezeigt, das „Millennium Ecosystem Assessment“. Eine Trendwende sei dringend nötig, hieß es schon damals. Genützt hat es nichts. Ebenso wie das 2010 von den UN mit den damals viel gerühmten „Aichi-Zielen“ aufgestellte Projekt zur globalen Naturerhaltung.

Es gibt einen Hauptgrund dafür, dass Artenschutz und Ökosystem-Erhaltung bisher so wenig Aufmerksamkeit erhalten. Die „Dienstleistungen“ der Natur werden nicht monetär bewertet, obwohl diese weltweit jährlich Billionenhöhe erreichen. Die grundlegende Studie zum globalen „Naturkapital“, genannt TEEB, ergab 2010, dass zum Beispiel allein die Insekten jährlich 153 Milliarden US-Dollar an Bestäubungsleistung und Korallenriffe etwa 172 Milliarden an Einkommen, Nahrung und weiteren Gewinnen erbringen. Da Verluste dieser Leistungen in den volkswirtschaftlichen Berechnungen nicht auftauchen, fallen sie unter den Tisch. So bleibt unbemerkt, dass bereits heute der Verlust von Wäldern, Weideland und Feuchtgebieten rund zehn Prozent des Weltwirtschaftprodukts kostet.

Bloße Appelle, die industrielle Landwirtschaft, Urwaldabholzung und Ressourcen-Raubbau als Haupttreiber der Naturzerstörung zu bremsen, werden nichts nützen, solange die wahren Kosten nicht erhoben werden. Die Verursacher der Umweltschäden müssen haftbar gemacht werden und Nutznießer für Naturleistungen zahlen. Ein Modell dafür ist im Schwellenland Mexiko für den Forstsektor entwickelt worden - mit dem Erfolg, dass dort die Abholzungsrate um 50 Prozent sank.

Die UN werden 2020 auf einem Gipfel in China neue Biodiversitätsziele als Aichi-Fortschreibung aufstellen. Dann gehört die Naturkapital-Einrechnung als neue Maßnahme neben einer Ausweitung der Schutzgebiete und einem forcierten Abbau naturschädlicher Subventionen unbedingt mit dazu. 

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