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Vater und Sohn: Jair und Benjamin Netanjahu

Kolumne

Arbeit im „Hotel Mama“

  • Inge Günther
    vonInge Günther
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Jair Netanjahu macht sich mit seinen Tweets viele Feinde. Sogar sein Vater distanzierte sich von ihm. Und der ist als Israels Premier einiges gewohnt. Die Kolumne.

Es ist nicht gerade leicht, mit 28 Jahren noch im „Hotel Mama“ zu wohnen. Auch wenn das in diesem Fall die Jerusalemer Premierresidenz ist. Jair Netanjahu, ältester Sohn des israelischen Regierungschefs, hat sich dafür schon eine Menge medialen Spott eingefangen. Allerdings keilt er auch heftig aus – nicht immer nach dem Geschmack des Vaters, dies vorweg.

Im Großen und Ganzen lässt „Bibi“ freilich den angriffslustigen Sohnemann gewähren, der per Twitter, Facebook und was sonst an sozialen Medien zur Verfügung steht, die Kampagne im väterlichen Korruptionsprozess flankiert. Jair Netanjahu hat daraus für sich eine Art Job kreiert. Nur gibt er auf der ultrarechten Überholspur derart ungebremst Vollgas, dass politischer wie juristischer Kollateralschaden nicht ausbleibt.

Jüngstes Beispiel sind seine frauenfeindlichen Ausfälle gegen die kritische Fernsehmoderatorin Dana Weiss, die in Israel einen ähnlichen Bekanntheitsgrad genießt wie Anne Will in Deutschland. Gemeinsam mit ihrem Sender kündigte Weiss jetzt eine Verleumdungsklage gegen Netanjahu junior an. Der hatte in einem Tweet nahegelegt, sie habe ihren Posten durch Bettgeschichten ergattert. Gebildet sei Weiss (eine studierte Anwältin) ja nicht, smart genauso wenig, mokierte sich der Möchtegerngroß darin.

Der Journalistin reichte es, so wie weiteren Kolleginnen, die Jair Netanjahu zuvor unter der Gürtellinie attackiert hatte. Nicht nur sie sehen den Tatbestand sexueller Belästigung aus niederen politischen Motiven als erfüllt.

Ansonsten betreibt der Netanjahu-Spross unbekümmert Feindbildpflege. Um den linken jüdischen Philanthropen George Soros zu verunglimpfen, griff er – ausgerechnet – auf eine antisemitische Karikatur zurück.

Einen weiteren Ausrutscher leistete er sich im April, als die Opposition gegen Demokratieabbau in Corona-Zeiten in Tel Aviv protestierte, wohlgemerkt im gebotenen Abstand und mit Gesichtsmasken. Er hoffe bloß, legte Jair da los, jene, „die sterben werden, kommen aus eurem Lager“. Selbst Netanjahu senior distanzierte sich.

Dass der Sohn des Premiers inzwischen gar zum „Poster-boy“ der AfD (sic!) avancierte, finden viele Israelis nicht weniger peinlich. Hatte der twitter-süchtige Heißsporn doch das Christentum zum Heilmittel für die „Übel der globalistischen EU“ erklärt. Ein Zitat, das sich Joachim Kuhs, AfD-Abgeordneter im Europaparlament, nicht entgehen ließ und prompt, versehen mit dem Konterfei Jair Netanjahus, weiterpostete.

Andererseits ist es ohnehin kein Geheimnis, dass der israelische Regierungschef mit Viktor Orban und gleichgesinnten Vorreitern der europäischen Extremrechten ziemlich gut kann. Als Allianz, um den Widerspruch aus Brüssel gegen seine Annexionspläne im Westjordanland abzufedern, sind sie ihm allemal willkommen.

Umgekehrt gefallen sich die Rechtspopulisten als „Freunde Israels“ – eine Rolle, mit der sie ihre braunen Flecken zu übertünchen suchen, nach dem Motto: Wer den jüdischen Staat verteidigt, kann ja kein Antisemit sein.

Zurück zum „Hotel Mama“, das wie eingangs erwähnt ein Premiersitz ist, in dem der Sohn des Hauses quasi stündlich schamlos unterirdische Dreizeiler in die Tasten haut. Ohne dafür je einen Schekel vom Staat bekommen zu haben, wie Jair Netanjahu seinen 80.000 Followern versichert. Eigentlich sind seine Dienste unbezahlbar, dürfte sich ein gewisser Herr Kuhs von der AfD gedacht haben.

Inge Günther ist Autorin.

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