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Das Land ist von Kriegen zerstört.

Nahöstliche Region

Die arabische Welt ist unversöhnlich

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Die arabische Welt ist zerrüttet. Den Jemen, Syrien und Libyen zerfetzen Kriege. Sunniten bekämpfen Schiiten. Gibt es einen Ausweg? Der Leitartikel.

Und wieder flogen vor dem Pilgerfest in Mekka die Fetzen. Diesmal krachte es im eigenen Haus. Saudi-Arabien knöpfte sich den kleinen Nachbarn Katar vor. Im Jahr davor schallte der Krieg der Worte quer über den Golf, beharkte sich das sunnitische Königreich mit seinem schiitischen Erzrivalen Iran. Damals blieb die Islamische Republik zum ersten Mal seit Jahrzehnten dem Hadsch fern, nicht zuletzt weil im September 2015 Hunderte persische Pilger bei einer Massenpanik ums Leben gekommen waren.

So offenbart bisher jede Mekka-Wallfahrt unter der Führung von König Salman und seinem Sohn Mohammed bin Salman neue Zerwürfnisse und Probleme – und fungiert gleichzeitig als gigantischer Spiegel für den Zustand der nahöstlichen Welt.

Saudi Arabien knöpfte sich Katar vor

Bereits wenige Monate nach dem Machtantritt des Vater-Sohn-Königsduos im Januar 2015 erlebt Mekka die größte Pilgerkatastrophe der Moderne. Mindestens 2500 Menschen fanden den Tod, als es in Mina zu einer Massenpanik kam. Längst ist alles unter den Teppich gekehrt.

Wer aus dem Kreis der sogenannten Hüter der beiden heiligsten Stätten des Islam für diese tödliche Katastrophe verantwortlich war, wird die Welt wohl nie erfahren. Zwar wurde eine Untersuchungskommission eingesetzt, doch Ergebnisse hat sie keine produziert.

Fehler zu analysieren und einzugestehen, Schuldige zu benennen und Konsequenzen zu ziehen, gehört weder in Saudi-Arabien noch in den übrigen Nationen der arabischen Welt zum Repertoire staatlichen Handelns. Damit fehlt allen diesen Ländern ein zentraler Antrieb für gesellschaftlichen Fortschritt, die Fähigkeit zu Selbstkritik und Selbstkorrektur, die Fähigkeit zu Transparenz und guter Regierungsführung.

Keine Fähigkeit zur Selbstkritik

Stattdessen greift man in das unerschöpfliche Reservoir von Verschwörungstheorien, sucht Schuldige jenseits der eigenen Landesgrenzen im angeblich abgekarteten Spiel ausländischer Geheimdienste, bei den USA, Israel oder wer sonst so zur Hand ist. Eine Bürgergesellschaft, die Verantwortung einfordert, Willkür anprangert und ihre Despoten in die Schranken weist, existiert dagegen in praktisch keinem der 22 arabischen Staaten.

Opposition gegen die Machtelite gilt als Majestätsbeleidigung und wird erbarmungslos geahndet. Bis in den letzten Winkel halten die absurd überdimensionierten Staatsapparate und Geheimdienste das öffentliche Leben in Schach und machen jeden mundtot oder auch richtig tot, der sich gegen diese Machtmaschine auflehnt.

Kein Wunder, dass in solch einer staatlich aufgezwungenen apolitischen Privatheit jeder nur noch seinen Vorteil sucht – so gut er kann und soweit sein Radius reicht. Das Wohl des Ganzen gerät aus den Augen. Entsprechend heruntergekommen und zugemüllt sieht der öffentliche Raum in den arabischen Ländern aus – seine Städte, seine Dörfer, seine Straßen, seine öffentlichen Strände und seine Felder.

Bürgerkriege zerfetzen den Jemen, den Irak, Syrien und Libyen

Dieses chronische Defizit an zivilem Geist bildet zugleich den Resonanzboden für die immer weiter steigende Zahl von politischen und kriegerischen Konflikten. Bürgerkriege zerfetzen den Jemen, den Irak, Syrien und Libyen. Millionen Menschen irren als Vertriebene umher, die arabische Welt zeichnet für fast zwei Drittel aller Flüchtlinge weltweit verantwortlich.

Niemand weiß, wie diese Staaten in absehbarer Zeit wieder auf die Beine kommen sollen. Aber auch der Gegensatz von Schiiten und Sunniten wird immer gewalttätiger und religiös virulenter. Auf der einen Seite steht die vom Iran geführte schiitische Achse aus Irak, Syrien und dem Hisbollah-Libanon, auf der anderen Seite die sunnitisch geführte Achse von Saudi-Arabien, den Golfstaaten und Ägypten.

Ende des Golfkooperationsrates

Selbst innerhalb der sunnitisch-arabischen Welt weiten sich die Gräben von Jahr zu Jahr. Die Beziehung von Saudi-Arabien zum Jemen ist wegen des mörderischen Krieges zerrüttet. Im Verhältnis zum Golfnachbar Katar inszeniert Riad eine archaische Hexenjagd, die wohl das Ende des Golfkooperationsrates bedeuten wird, dieses Clubs der Reichen und Superreichen auf der Arabischen Halbinsel. Sudan und Ägypten liegen nicht nur beim Nilwasser über Kreuz. Ägypten kläfft auch für seinen Dauersponsor Saudi-Arabien besonders besinnungslos in Richtung Katar und schürt obendrein den inneren Zerfall Libyens.

Kräfte dagegen, die das Blatt wenden und die nahöstliche Region in ein kooperativeres Fahrwasser lenken könnten, sind nicht in Sicht. Das gilt auch für die Religion, obwohl der Islam mit dem Hadsch über eine globale Plattform verfügt, die Verfeindete versöhnen könnte.

Der religiöse Sektor in der arabischen Welt jedoch teilt das Schicksal der übrigen Zivilgesellschaft. Es besitzt keine eigenständige, gestaltende Kraft. Religion und Glaube werden genauso für den Machterhalt instrumentalisiert wie das übrige öffentliche Leben. Und so bleibt der Hadsch für diesen Teil der Welt auch weiter nur das passive Echo einer Gegenwart, die wenig Optimismus lässt.

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