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APPZu viel Einheitsbrei

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Jogi Löw hat keinen Rückhalt mehr in der Bevölkerung - dabei ist der Bundestrainer auch das Opfer einer Entwicklung, für die er gar nichts kann.

In seiner obligatorischen Leserumfrage hat das Fachmagazin „Kicker“ die brandaktuelle Frage gestellt: „Kriegt Joachim Löw die Kurve?“ Sehr viele Menschen haben sich beteiligt, genau 117 685, und sie haben für ein ziemlich deutliches Meinungsbild gesorgt: 91,9 Prozent antworteten mit „nein“. In ähnlichen Befragungen in anderen Medien sahen die Resultate nicht anders aus. Das ist ein vernichtendes öffentliches Urteil und ein Vertrauensentzug erster Güte. Niemals waren die Zweifel an dem Mann, den die meisten liebevoll Jogi rufen, so groß.

Pikanterie am Rande: Das heutige Nations-League-Spiel in Paris bekommt für Joachim Löw und die deutsche Nationalmannschaft urplötzlich eine enorme Wertigkeit, das Duell zwischen dem entthronten und dem amtierenden Weltmeister unter dem Dach dieses merkwürdigen Wettbewerbs hat einen anderen Charakter als ein Freundschaftskick gegen, sagen wir, Finnland, es ist auf einmal so eine Art Schicksalsspiel – für Joachim Löw und viele seiner altgedienten Weggefährten.

Die Mannschaft ist längst keine Einheit mehr, wer die öffentlichen Aussagen der jüngeren Garde (etwa Draxler, Kimmich) mit denen der alten Rädelsführer (Mats Hummels, Manuel Neuer) vergleicht, der kann diesen Riss im Gefüge förmlich spüren. Die Jungen begehren auf, aus einem einfachen Grund: Sie sehen das Leistungsprinzip in Frage gestellt. Das ist eine gefährliche Entwicklung, die auch schnell mal das Ende einleiten oder bedeuten kann. Dafür trägt, natürlich, der Cheftrainer die Verantwortung.

Ein größeres Problem ist jedoch die fehlende Qualität der Nachrücker, die Frage der Alternativen also. Es mangelt an herausragenden Stürmern und Außenverteidigern und auch an Mittelfeldspielern, die irgendwie anders sind. Denn die Gleichförmigkeit im deutschen Spiel ist ganz sicher ein nicht zu unterschätzender Faktor für das Absacken in die gefühlte Bedeutungslosigkeit: Wo sind die Ideen? Wo ist das Tempo? Wo ist die Finesse? Wo ist die Kreativität? Wo ist das Risiko? Wo sind die Dribblings? Das sieht alles schwer nach zähem Einheitsbrei aus, der keinem Trainer schmecken kann.

Matthias Sammer, ein kluger Stratege mit klarer Meinung, hat das längst erkannt und Alarm geschlagen. In einem Interview mit der „Welt am Sonntag“ betonte der frühere DFB-Sportdirektor: „Wer zuerst an die Mannschaft denkt, blockiert sich. Dann wird das Anderssein nicht zugelassen, und das ist falsch.“

Mehr Mut zur Individualität also und mehr waghalsige Manöver auf dem Rasen. Die Krux: Es gibt sie nicht, die Freigeister (klammert man vielleicht Leroy Sané aus), deutsche Profis werden zu perfekt funktionierenden Taktikmonstern ausgebildet. Diesen Prozess einzuleiten und zu forcieren, dauert Jahre. Für Joachim Löw dürfte es dann schon zu spät sein.

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