+
Protest gegen eine Veranstaltung mit dem „Muttertier“ Birgit Kelle. 

Die Kolumne

Wie Antifeministinnen die Corona-Krise für ihre Zwecke missbrauchen

  • schließen

Antifeministinnen missbrauchen die Corona-Krise, um ihr überholtes Frauenbild durchzusetzen. Den Wunsch nach Systemwechsel teilen sie mit Leuten wie Xavier Naidoo. 

„Habt Ihr aufbegehrt, als die Masern-Impfpflicht eingeführt wurde? Habt Ihr aufbegehrt, als Gender Mainstreaming eingeführt wurde?“, fragt die ehemalige Tagesschau-Sprecherin und mittlerweile an der Seite von Xavier Naidoo agierende Eva Herman auf ihrem Telegram-Account und meint in Zeiten von Corona das individuelle Potenzial des Widerstands.

Corona-Shutdown - Stunde der Antifeministinnen

Wer zumindest letztere Frage eindeutig mit „Ja“ beantworten kann, sind die Protagonistinnen der reaktionären „Demo für alle“ um Hedwig von Beverfoerde. Sie kämpfen seit Jahren verbissen gegen Gender in jeglicher Ausprägung und der damit einhergehenden Vielfalt im Hinblick auf unterschiedliche Lebensmodelle. Alles, was jenseits der heterosexuellen normativen Kleinfamilie angesiedelt ist, ist Teufelswerk, weshalb sie sich insbesondere auf die Fahne geschrieben haben, die lieben Kleinen vor sexueller Aufklärung zu schützen.

Der Corona-Shutdown, so könnte man formulieren, kommt ihnen da gerade recht. „Die ersetzbare Mutter – ein Mythos hat Pause“, jubelt etwa Birgit Kelle, die sich als Antifeministin einen Namen mit Werken wie „Muttertier“ erarbeitet hat.

Birgit Kelle spricht vom „feministischen Mythos“

In ihrem exklusiven Essay für die „Demo für alle“ heißt es, dass „die Mutter wieder in den Mittelpunkt des Haushalts“ rücke, wenn der Staat „als Nanny“ ausfällt. Sowieso gehöre es zu einem „feministischen Mythos, dass Mütter ersetzbar“ seien, und außerdem sei Mutterschaft eh „keine Rolle“.

Richtig, schon gar keine, die an Heim und Herd gekoppelt ist. Aber genau das versucht Kelle der Leserin unterzujubeln: Corona zwinge auf den eigentlichen Ursprung zurück, auf die wahre Bestimmung, und in der definiert sich Frau mit Kind in Kelles Logik als „Muttertier“. Die natürlich auch das „Homeschooling“ hervorragend wuppt.

Da stinkt Väterchen Staat nicht gegen an, weshalb die „Demo für alle“ auf Facebook gleich noch den Heimunterricht als zu legalisierendes Modell preist. „Weg mit der Schulpflicht – Heimunterricht funktioniert“, heißt es dort kämpferisch und in grenzenloser Mutterfixiertheit. Wäre doch gelacht, wenn nicht das, was in einer Pandemie als Notbehelf angelegt ist, endlich alle politischen Träume wahr werden lässt. Nämlich die Kinder fernzuhalten vom bösen Einfluss eines Bildungssystems, das Vielfalt will und möglicherweise zum Selbstdenken und Selbstfühlen anregt.

In Zeiten von Corona: Kampf gegen „Gender Mainstreaming“

Und noch ein weiterer Aspekt wird als Corona-Folge positiv hervorgehoben. Denn, wie Kelle es formuliert, habe „erstaunlicherweise … noch niemand gefordert, dass die Todesstatistik mit mehr als zwei Geschlechtern geführt wird, oder besitzen all die ‚dritten‘ Geschlechter eine ominöse Unsterblichkeit und Corona-Resistenz, dass sie nirgendwo auftauchen?“

Der Kampf gegen die sexuelle Selbstbestimmung, beziehungsweise das „Gender Mainstreaming“, hat an dieser Stelle einen solchen Tiefpunkt erreicht, dass einzig das Entsetzen bleibt, auf wie vielen Ebenen das Coronavirus politisch missbraucht wird.

Hier wird im klassischen Roll-Back versucht, das Familienidyll der 50er-Jahre als das einzig wahre, krisenresistente Modell zu verkaufen, da kann frau um der guten Sache willen schon mal die Grenzen der Geschmacklosigkeit ausreizen. Es gilt, die Gunst der Stunde zu nutzen und nach einem Systemwandel zu rufen. Aus dieser Ecke kommen gerade noch ganz andere. Womit wir wieder bei Eva Herman und Xavier Naidoo wären.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare