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Plattenbau in Dresden. Gibt es so etwas wie eine ostdeutsche Identität?

„Ostdeutsche Identität“

Die stereotypisierten Ostdeutschen

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Eine „ostdeutsche Identität“ - was soll das sein? Die, die sie konstruieren und allzu pauschal Benachteiligungen beklagen, spielen populistischen Demokratiegegnern in die Hände. Die Kolumne. 

Heute reden wir viel über ostdeutsche Identität. 30 Jahre ist jener Frühling her, als sich Bürger der DDR gegen den Wahlbetrug des Systems wehrten und die Stimmenauszählung überwachten. Ein halbes Jahr später fiel die Mauer. 30 Jahre sind eine lange Zeit. Unterwegs zum Heute fanden noch weitere, entscheidende Umbrüche statt: das Internet, Migration und Globalisierung. Diese 30 Jahre waren ebenso einschneidend und folgenreich wie einst die industrielle Revolution. Die Welt hat sich vielleicht schneller verändert, als es Menschen in ihrer eigenen Lebenszeit können. Auch deshalb denken viele heute über Identität nach.

Ostdeutschland als Folie für die „wahre Stimme des Volkes“?

Doch das immerwährende Identitätsgeschwurbel geht mir auf die Nerven. Was soll das sein, eine „ostdeutsche Identität“? Und gegen wen wird sie in Stellung gebracht? Gegen Migranten, gegen die „Wessis“? Oder eher gegen den Westen? Das passt den antiwestlichen Antidemokraten sehr gut in den Kram. Sie machen aus realen Benachteiligungen von Menschen aus dem Osten eine weitere Opfererzählung der Deutschen. Diesmal der Ostdeutschen.

Ostdeutschland als Folie für die „wahre Stimme des Volkes“? Ohne Migranten, Globalisierung, ohne Minderheitenrechte? Ostdeutschland ohne die „Verschmutzung“ durch Demokratie und „Lügenpresse“? Ostdeutsche sind verschieden. Manche kämpfen tapfer gegen den braunen Strom in ihrer Region. Andere sind Teil davon. Und manche sind sogar Migranten oder haben Schwarze Eltern.

In einer neuen Studie werden die Diskriminierungserfahrungen von Ostdeutschen einerseits und Migranten bzw. Muslimen andererseits miteinander verglichen. Abgesehen davon, dass es Unsinn ist, um nicht zu sagen politisch höchst fragwürdig, Migranten mit Muslimen gleichzusetzen, zeigt die Studie erwartungsgemäß, dass beide Gruppen benachteiligt sind.

Benachteiligung Ostdeutscher ist sozial

Und nun? Sich diskriminiert fühlen und diskriminiert werden sind sehr verschiedene Dinge. Rassismus ist Alltag, die Benachteiligung Ostdeutscher ist sozial – also nicht so unveränderlich wie Hautfarbe oder Name bei Migranten. Aber auch Migranten und antirassistische Gruppen machen die Identitätsreiterei mit. Wenn ihr Ziel nicht in der Idee von Gleichwertigkeit liegt, bei der jede Abwertung geächtet wird, also die von Migranten ebenso wie die durch Migranten, dann finde ich sie ebenso nervend wie fehlgeleitet.

Das ändert nichts am Problem beider Gruppen. Sie miteinander zu vergleichen macht allerdings wenig Sinn, denn der Vergleich verschleiert mehr, als er aufdeckt. Vor allem: Er stereotypisiert Ostdeutsche und ethnisiert Einwanderer.

Und er zielt auf eine Art Systemkritik, die den Gegnern der liberalen Demokratie gerade zupasskommt. Denn was soll am Ende dabei herauskommen? Dass alle mit ihren Identitäten wedeln und darüber diskutieren, wer es schlechter hat? Dass am Ende der gemeinsame Gegner der Wessi ist, dieser furchtbare Westen, der angeblich nichts Gutes bringt, sondern nur Ellenbogengesellschaft und Krieg? Dass die Demokratie abgewirtschaftet hat und die Sonne nun wieder im Osten glüht?

Nein, liebe Wessis, liebe Ossis und alle Migranten mittendrin, bei aller Kritik am Zustand der Welt – ohne Demokratie dürften wir gar nichts kritisieren. Und müssten ganz von vorn anfangen. Wenn’s gut geht, vielleicht Stimmenauszählungen von Diktatoren überwachen.

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