ADAC-Zentrale in München.
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ADAC-Zentrale in München.

Kolumne

Von Anständigkeit bis ADAC

  • vonJörg Thadeusz
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Was organisierte Halunkigkeit angeht, scheint München das Palermo Deutschlands zu sein. Der Steuerhinterzieher Hoeneß, der Uhrenschmuggler Rummenigge. Da passt es, dass die ADAC-Zentrale auch in München sitzt.

Was organisierte Halunkigkeit angeht, scheint München das Palermo Deutschlands zu sein. Der Steuerhinterzieher Hoeneß, der Uhrenschmuggler Rummenigge. Da passt es, dass die ADAC-Zentrale auch in München sitzt.

Wir sind anständig. Wenn ich am heutigen Abend das winterliche Schmorgericht auf den Tisch stelle und der S., dem S., dem M. und der E. nachschenke, dann schütten sich nur über jeden Zweifel Erhabene einen feinen Tropfen auf das reine Gewissen. Die Ganoven und Schufte sind woanders. Zum Beispiel in der ADAC-Zentrale in München. Wo stiernackige Großmäuler nach dem Telefon greifen und einem Schergen „Flieger fertig machen!“ zubellen. Wenn sie mit dem Fälschen von Auto-Hitparaden im Großen und Ganzen durch sind. Was organisierte Halunkigkeit angeht, scheint München das Palermo Deutschlands zu sein. Der Steuerhinterzieher Hoeneß, der Uhrenschmuggler Rummenigge. Aber auch unprominent Halbseidene, die bei ihrer Doktorarbeit so sehr gepfuscht haben, dass ihnen nur noch eine Karriere in der CSU übrig bleibt. Sie alle sind nur wenige Autostunden entfernt. Moralisch befinden sie sich aber sehr weit südlich von uns.

Rechtschaffener Einfluss

Allerdings weiß ich, dass die E., die heute Abend am Tisch sitzt, die Unterschrift ihrer Mutter immer noch kann. Auch wenn sie sich selbst schon seit Jahrzehnten die einzige Erziehungsberechtigte ist und heute auf eigene Faust ständig blau machen könnte. Die E. ist eine lautere Frau, die anderer Leute Geldbörsen sofort nach dem Auffinden zur Polizei brächte. Es gab allerdings Zeiten, in denen sie das Sparschwein der betagten Nachbarin „belieh“.

Wie sie auf den Weg der Tugend zurückfand? Ohne lautsprecherisch wirken zu wollen: Es ist wahrscheinlich doch mein rechtschaffener Einfluss. Sie weiß ja nicht, wie ich damals mit dem Radiergummi am Schülerausweis hantierte. Um das Geburtsdatum so zu verändern, dass die Altersgrenze für den Kriegsfilm im Kino kein Problem mehr war.

Noch weniger weiß sie von meiner Sehnsucht, ein glamouröser Fälscher zu sein. Wie der Kölner Dollar-Kopierer Hans-Jürgen Kuhl, der „Der Warhol der Geldfälscher“ genannt wurde. Warum nicht mit dem Zinken loslegen, wo ich doch ohnehin unter Generalverdacht stehe, dachte ich kürzlich, als die Tankstellenkassiererin meinen Geldschein durch ihren Leuchtomaten gleiten ließ. Nur um ihre Annahme zu korrigieren, ich sei ein Betrüger. Oder die Dame bei der Sparkasse, bei der ich einen größeren Betrag von meinem Konto abholen wollte. Die rief bei ihrer Kollegin an, um sie als Zeugin an ihrer Seite zu wissen. Sie habe es mit einer Geldwäsche zu tun, erklärte sie am Telefon.

23 Millionen im Jahr

Zum Glück fehlt es mir an der Kunstfertigkeit, die Fälscher dringend brauchen. Als ich einer Freundin ein Bild zum Geburtstag gemalt hatte, erzählte sie hinterher, das Gemälde sei das rührende Werk ihres körperbehinderten Neffen.

Während ich dies schreibe, übe ich mit der anderen Hand die Unterschrift von Lloyd Blankfein. Das ist nicht nur ein cooler Name. Ich möchte die Signatur möglichst perfekt unter meinen Brief an die Investment-Bank Goldman Sachs setzen. Darin bitte ich darum, mein Herr-Blankfein-Jahresgehalt bitte auf ein Konto bei einer rheinischen Sparkasse zu überweisen, das bisher auf den Namen Thadeusz geführt wurde. 23 Millionen bekommt der Chef von Goldman Sachs im Jahr. Ganz ehrlich: Ich wäre nicht anständig genug, diese Summe abzulehnen, wenn sie fälschlicherweise bei mir landete.

Jörg Thadeusz ist RBB-Moderator.

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