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Gehört Alexander zu den Anständigen oder zu den Unanständigen?

Alexander Gauland

Von Anständigen und Unanständigen

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Das Wort Aufstand wird mit unterschiedlichen Inhalten gefüllt. Sie sind nicht immer sinnvoll. Die Kolumne. 

Es war Gerhard Schröder, der einst den Aufstand der Anständigen anzettelte. Im Oktober 2000 war versucht worden, die Düsseldorfer Synagoge anzuzünden. Es gab Mahnwachen und Lichterketten. Alle dachten an Nazis. Monate später stellte sich heraus, dass zwei arabischstämmige Männer sich an Israel hatten rächen wollen. Da wurde es still um Anschlag wie Aufstand, so als wäre es eine waghalsige Idee, dass auch Menschen aus jenem Kulturkreis unanständig beziehungsweise Rechtsextremisten sein können.

Der Begriff blüht jetzt wieder. Ein Aufstand ist laut Definition eine gewalttätige Erhebung gegen den Staat. Wenn ein Aufstand von Bürgern gegen andere Bürger semantisch überhaupt auf etwas hinausläuft, dann auf Bürgerkrieg. Dabei hätte es, um etwa den rechtsextremen Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) zu stoppen, weniger einer Volksmasseninitiative bedurft als der Dienstausübung gewisser Behörden.

Retter des Abendlandes vor den Barbaren

Auch die Vokabel Anstand hilft kaum weiter. Der Mensch neigt dazu, sich für anständig zu halten. Die Leute, die weiland einen Bus mit Asylbewerbern umstellten, wähnten sich als Retter des Abendlandes vor den Barbaren.

Es wird kompliziert, wenn der Staat versucht, das Verhältnis seiner Insassen mit Moral zu ordnen. Um Missverständnisse über Erlaubtes und Verbotenes zu vermeiden, gibt es Gesetze. Sie werden von Volksvertretern beschlossen. Dieses Verfahren nennt sich Demokratie. Das hat mich meine postsozialistische Umerziehung gelehrt. Doch Worte wie das vom Aufstand ermutigen Menschen, das ihres Erachtens unzulängliche Gesetz in eigene Hände zu nehmen.

Eine etablierte Variante ist es, erlaubte Demonstrationen zu behindern und damit als unanständig Erkannte an der Ausübung ihrer Rechte. Das ist eine Straftat, aber eben Zivilcourage. Manche Politiker rufen dazu auf. So etwas kann man machen, sollte dann aber das Grundgesetz mit einem Generalvorbehalt versehen: „Nachstehendes gilt nicht für Unanständige.“

Faschisten von der Straße geprügelt

Weil Mahnkerzen und Sitzblockaden keinen Erfolg zeitigen, scheint der Aufstand nun in eine neue Phase einzutreten. Viele Anständige sind über den Anschlag auf einen Bundestagsabgeordneten entsetzt, weil dabei nun doch kein Kantholz zum Einsatz kam.

Massenmedien fordern vermehrt eine zivilgesellschaftliche Teilhabe am staatlichen Gewaltmonopol. So knüpfte ein Korrespondent der „taz“ seinen Faschismusbegriff an Namen wie Gauland, Trump, Orbán, Salvini oder Kaczynski, zweifelte, dass man mit denen respektive ihren Anhängern reden, geschweige denn sie bekehren könne, erinnerte an eine „Gruppe 43“, die einst Faschisten von der Straße geprügelt hatte, und ejakulierte dann anregend: „Heutzutage bräuchte man sehr viele ‚Gruppen 43‘.“

Nach den jüngsten Angriffen auf AfD-Leute fragte die „Bild“-Zeitung bei der „taz“-Chefredaktion nach und erfuhr: „Der Artikel war nicht als Aufruf zu Gewaltattacken gemeint.“ Der Autor erklärte: „Ich lehne Prügelattacken und Sprengstoffanschläge entschieden ab.“ Er habe sich „vielleicht missverständlich ausgedrückt“.

Warum so zerknirscht? Ich fand den Text ähnlich prägnant wie die ebenso hastig zurückgeholten Verbalradikalismen des Herrn Gauland. Das sieht nun aus, als wolle hier jemand andere vermöbelt wissen, aber weder selbst Hand anlegen noch zu seinem blutfeuchten Traum stehen. Dafür fallen mir einige Worte ein. Anstand ist nicht darunter.

André Mielke ist Autor.

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