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Schutzmaßnahmen der Synagoge in Halle haben ein großes Blutbad verhindert.

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Anschlag in Halle: Wenn der Terror von rechts zum Trend wird

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Die Tat von Halle sollte auch dem Letzten zeigen: Wer den Terror von rechts noch verharmlost, macht sich geheimer Sympathien verdächtig. Ein Kommentar.

Noch wissen wir vieles nicht, was in Halle geschah und vor allem nicht, warum. Das Allermeiste deutet aber darauf hin, dass der Angriff der jüdischen Gemeinde in der Stadt galt – und dass er nicht aus der islamistischen, sondern der rechtsextremistischen Ecke kam. Es war ein Terroranschlag, offenbar von einem radikalisierten Einzeltäter. Das wiederum, so viel ist gewiss, wäre kein Zufall. Es würde einen Trend bestätigen.

Der Trend betrifft zunächst die Stadt Halle selbst, in der es seit langem eine entwickelte rechtsextremistische Szene gibt (und, was man gerade heute nicht verschweigen sollte, Proteste dagegen). Dort betreibt die Identitäre Bewegung mitten in der Stadt ein Haus – jene Identitäre Bewegung, die das Bundesamt für Verfassungsschutz im Sommer als eindeutig rechtsextrem eingestuft hat und die unter anderem Kontakte zu Teilen der AfD unterhält.

In Sachsen-Anhalt – genauer: in Tröglitz – war es auch, wo im Frühjahr 2015 eine Flüchtlingsunterkunft brannte und der tapfere Bürgermeister Markus Nierth zurücktrat. Die Landesregierung hat die Gefahren von rechts später immer mal wieder unter dem Eindruck des Erstarkens der AfD relativiert – fatalerweise.

Was für Halle gilt, gilt für das ganze Land. Die Militanz der rechtsextremistischen Szene wächst. Sie tritt immer unverhohlener auf und sickert teilweise sogar in die Sicherheitsbehörden ein. Eigentlich hätte schon die Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) der Republik vor Augen führen müssen, was die Stunde geschlagen hat. Doch es bedurfte des Mordes an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke, einem Christdemokraten, um dem Letzten klarzumachen, dass Islamismus und Rechtsextremismus längst gleichermaßen bedrohlich sind.

Die Rechtsextremisten sind nicht zuletzt eine Gefahr für das jüdische Leben, das immer noch und mehr denn je geschützt werden muss. Es gibt keine Synagoge in Deutschland, die dieses Schutzes nicht bedürfte. Nur diese Schutzmaßnahmen haben in Halle ein großes Blutbad verhindert. Dies einen Monat vor dem Jahrestag der Pogromnacht von 1938 diagnostizieren zu müssen, ist bitter. Und es ist falsch, zu glauben, der Antisemitismus sei nur noch auf der islamistischen Seite zu finden. Er ist nach wie vor da, wo er immer war: rechts außen.

Das Bundesinnenministerium hat das mittlerweile erkannt. Die Sicherheitsbehörden werden aufgestockt, ihre Kompetenzen erweitert. Ob das reicht, muss man abwarten. Wer den Ernst der Lage nach den Ereignissen von Halle nicht begreift, dem jedenfalls ist nicht zu helfen. Stattdessen muss man klammheimliche Sympathien vermuten. 

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