Gastbeitrag

Anpacken für mehr Gleichberechtigung

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Im Prozess der Emanzipation kann und muss jeder etwas verändern. Dann gibt es mehr Chefinnen, Ministerinnen und Gründerinnen.

Der Weg zur Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau ist eine Odyssee. Die Einführung des Frauenwahlrechts im November 1918 war nach langer Irrfahrt ein bedeutendes Zwischenziel. In dieser Zeit wurden alle wichtigen Entscheidungen von Männern getroffen – auch, ob Frauen arbeiten durften. Erwerbstätige Frauen, am besten in Vollzeit, sind aber ein Segen für die Volkswirtschaft. Sie sind hochqualifiziert, weisen bessere Abschlüsse als Männer vor und machen Führungsteams durch Diversität erfolgreicher.

Frauen werden Kanzlerin, Vorstandschefin, moderieren Polittalkshows und Sportevents zur Hauptsendezeit. Sie gewinnen die Fussballweltmeisterschaft, fliegen ins All und manchmal sind sie auch noch Mütter. Alles im Lot also? Nein, die wenigen Frauen, die es an die Spitze schaffen,  gehören zu den Ausnahmen. Außerdem wird über Frauen mit Kindern, die gleichzeitig Karriere machen wollen, zu wenig diskutiert.

Hinter den Kulissen ziehen weiter meistens Männer die Strippen. Auch wenn es mittlerweile viele Vorbilder für Frauen in den DAX-Konzernen gibt, sind es noch zu wenige. Der Anteil von Frauen in den Vorständen liegt in Deutschland lediglich bei zwölf Prozent. In den Aufsichtsräten sind es etwa 30 Prozent. In der Politik liegt der Frauenteil etwas darüber. Der Anteil nimmt dann in höheren Positionen wieder ab.

Auch bei uns jungen Unternehmern gibt es noch viel Potenzial. Ein Kulturwandel ist nur bei der Unternehmensnachfolge zu erkennen. Wurde früher angeheiratete Ehemänner der Tochter Nachfolger, sind es heute die Töchter selbst. Der Anteil von Nachfolgerinnen in der Mitgliedschaft unseres Verbands ist bereits ein Viertel – Tendenz steigend. Andererseits ist die Gründerinnenzahl mit etwas über einem Zehntel bedeutend geringer. Ich wünsche mir mehr Gründerinnen und Nachfolgerinnen!

Nicht einzelne Gruppen sind für diese Unwucht verantwortlich und eine Frauenquote ist kein Allheilmittel. Im Prozess der Gleichberechtigung kann jeder etwas verändern: die Chefetage mit flexibleren Arbeitszeitmodellen, die Politik mit Anreizen für gleichberechtigte Elternteile und die Unterhaltungsbranche mit Rollenbildern. Wir brauchen weibliche Vorbilder, die in männerdominierten Bereichen vorangehen. Nicht nur im Sport, in der Politik und in der Wirtschaft, sondern ebenso in der Unterhaltung! In den 90er Jahren war es Akte X und der Dana-Scully-Effekt, der Mädchen Reihenweise für Studienfächer wie Biochemie, Forensik oder den Kriminaldienst begeisterte. Wir brauchen mehr Heldinnen wie sie. MINT-Initiativen reichen nicht. Wichtig ist auch eine gleichberechtigte Erziehung, in der Mädchen nicht immer warm, weich und zurückhaltend sein müssen. Eine große Baustelle sind auch bevormundende Sozialleistungen für Familien, die Gleichberechtigung mit monetären Anreizen aushebeln.

Wir müssen endlich aufhören erwerbstätige Frauen zu bestrafen: Eine Teilzeitstelle und ein Minijob unterscheiden sich durch hohe Steuerbelastung für Zweitverdiener – meistens Frauen – finanziell kaum, sodass Frauen meistens nur den Minijob wählen. Abgesehen von Belgien ist die Steuer- und Abgabenlast für Zweitverdiener in einer Ehe in keinem anderen OECD-Land so hoch wie in Deutschland.

Oft sind die betroffenen Frauen gut ausgebildet. Es lohnt sich trotzdem nicht, Arbeit aufzunehmen, fortzuführen oder ihre Stundenzahl von Teilzeitmodellen zu erhöhen. Dazu gehören Schlagworte wie das Ehegattensplitting, die beitragsfreie Mitversicherung und die „Herdprämie“ in Bayern.

Nur Hausfrau zu sein, scheint immer noch das Idealbild der Politiker zu sein. Außerdem diskriminieren diese Reglements unverheiratete Paare. Der Staat kann zwar eine Ehe fördern, da sich Ehepartner untereinander finanziell absichern, aber nicht steuerliche Belastung zu Ungunsten einen Partners verschieben! Hier hat der Gesetzgeber durch das Faktorverfahren schon erste Schritte unternommen, Steuersätze besser auszutarieren.

Die Politik muss aber noch mehr Fragen überdenken: Sind Leistungen wie das Elterngeld die richtigen Anreize für Männer und Frauen? Warum sind es immer wieder Mütter, die auf das volle Jahr Elternzeit zurückgreifen? Warum nehmen Väter hingegen nur zwei Elterngeldmonate?

Wir müssen bereit sein, beim Thema Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann Dinge zu verändern, auch wenn wir uns mit dem Status quo arrangiert haben. Wir sollten aufhören, genervt mit den Augen zu rollen, und die alten Geister in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft vertreiben. Dann gibt es bald mehr DAX-Chefinnen, Ministerinnen, Gründerinnen und Nachfolgerinnen.

Sarna Röser ist Vorsitzende von Die jungen Unternehmer, designierte Nachfolgerin im Familienunternehmen und hat ein Start-up gegründet.

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