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Anmaßende Basta-Mentalität

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Von: Daniel Haufler

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Die „Lügenpresse“ lebt weiter.

Ausverkauft binnen Minuten und das bei einer Rekordauflage von drei Millionen Exemplaren! Was für ein großartiger Erfolg für die Satirezeitschrift Charlie Hebdo. Und das nur eine Woche nach dem Terroranschlag, dem die Mehrheit der Redaktion zum Opfer gefallen ist. Charlie lebt und wird dank vieler neuer Abonnenten lange weiterleben. Nicht nur die Satirezeitschrift steigert ihre Auflage; fast alle Printmedien in Frankreich verkaufen sich besser. Die „Lügenpresse“ lebt und wird es noch lange tun.

Dennoch ist es gut, dass die Sprachkritische Aktion „Lügenpresse“ zum Unwort des Jahres erklärt hat. Wie schon bei „Dönermorde“ oder „Sozialtourismus“ wählt sie ein Wort, das benutzt wird, um die Realität zu verzerren. Man muss nicht die unselige Geschichte des Begriffes bemühen, um seine Ungeheuerlichkeit zu erkennen, meint die Badische Zeitung: „Fast schlimmer ist die Anmaßung, die da mitschwingt und die Basta-Mentalität.

Wer einer ganzen Branche vorwirft, sie verbreite notorisch und absichtsvoll Falschmeldungen, wähnt sich selbst im Besitz der Wahrheit. Und zwar der einzig selig machenden. Er würgt zudem jede Diskussion ab. Denn wer auf alle Fragen letztgültige Antworten hat, muss diese nicht zur Diskussion stellen.“

Nachdenklich schreibt die Thüringer Allgemeine über das Unwort: „Gelegentlich beschleicht uns Redakteure das Gefühl, ein Thema nicht richtig aufgegriffen zu haben. Der gestrige Leitartikel handelte davon, dass vor allem die Politik die hohen Teilnehmerzahlen bei Pegida-Demonstrationen als Anlass nehmen muss, das eigene Handeln zu hinterfragen – das hat vor allem von linker Seite Kritik ausgelöst. Mehr als einmal schallte auch uns der Anwurf ,Lügenpresse‘ entgegen – meist in anonymen Kommentaren auf unserer Internetseite. In Dresden hat er sich zum Kampfbegriff vieler Pegida-Demonstranten entwickelt. (...) Gleichzeitig zeigt der Kampfbegriff sehr deutlich, wie schwer es künftig fallen wird, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen. Wenn jeder nur noch hören, lesen und sehen will, was das eigene Meinungsbild bestätigt, laufen wir auf eine gespaltene Gesellschaft zu, in der das Verständnis für andere Meinungen immer weiter abnehmen wird.“

Nicht ganz so glücklich ist der Soziologe Arno Klönne mit der Wahl des Unworts. Auf der Seite heise.de weist er darauf hin, dass auch die Jury einräume, in den Medien sei nicht immer die Wahrheit zu finden: „So viel akademische Zurückhaltung wird man von jenen Bürgern, ganz gleich, wo sie politisch stehen, nicht erwarten können, die sich von den etablierten Medien informationell übers Ohr gehauen fühlen. Vermutlich werden sie die Warnung vor dem Begriff ‚Lügenpresse‘ als hochmütiges Verhalten von Experten empfinden, die es sich mit den massenmedialen Machtinhabern nicht verderben möchten.“

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