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Angstfrei üppig geben

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Von: Petra Kohse

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In einem Garten in Berlin leuchten Tulpen. Der verschwenderische Geist gebietet Respekt. Keiner zerstört das Kunstwerk.

Das Glück ist 75 Schritte lang und 33 Schritte breit. Es ist üppig und bunt, es duftet und erstaunt jeden Tag mit seiner schieren Existenz. Das Glück macht auch Arbeit. Es ist, heißt es, ein einzelner Anwohner, der den großen Garten vor der katholischen St. Matthias Kirche an der Schöneberger Pallasstraße in Berlin plant, pflanzt und pflegt. Und finanziert.

Auf einer öffentlichen Grünfläche sowie an der Ostseite der Kirche selbst baut er seit Jahren an diesem Altar für die Natur in ihrem Lauf: Tausende von Tulpen leuchten hier im Frühjahr, und zwar die großen, satten. Im Sommer Margeriten, Lilien, Rittersporn, Büsche von Bartnelken sowie Rosen, Rosen, Rosen. Gelb, orange, weiß und rot, teils zwei Meter hohe Sträucher, an denen dicke Knospen neben voll Aufgeblühtem und bereits Verwitterndem hängen, das ganze Leben eben, wie man es sonst kaum noch sieht. Dazwischen Himbeergestrüpp und kleine Obstbäume, fast verschwindend in all dem vollen Wuchs ringsum.

Man darf sich diesen Garten nicht als etwas Übersichtliches vorstellen. Selbst bei längerem Schauen erfasst man seine Topographie nicht ganz. Versteckte Wege für den Gärtner führen hinein, auch ein Korbstuhl mit Tisch ist zu finden, und an einem Stamm lehnt eine kleine, rot-goldene Buddha-Statue, die sich geduldig von Feuerkäfern bekrabbeln lässt.

Abends dringen hier oft Orgelklänge auf die Straße, plätschern leise um das Kirchenschiff, das in steter Blütenpracht ankert, und lassen Vorbeigehende den Rest der Stadt in Sichtweite (die Schule, den Sportpalastbunker, den „Sozialpalast“) für einen Moment vergessen. Dann herrscht hier einfach Fülle, und es öffnet sich der Horizont.

Dennoch stellen all diese Pflanzen natürlich Werte dar, und es ist schon vorgekommen, dass nächtlich eine ausgegraben wurde. Prinzipiell jedoch wird dieser Ort geachtet. Wie leicht wäre es, die Bestände wirklich zu plündern, Hunde hineinzulassen oder darin Party zu machen, die Fläche ist nur mit einem Strick gesichert. Das scheint aber nicht zu geschehen. Bei 32 000 angezeigten Fahrraddiebstählen letztes Jahr in Berlin will das etwas heißen. Auch von all den kleinen Beeten, die die Ladenbesitzer der Gegend gerne um Baumstämme herum anlegen und teilweise sogar einzäunen, überlebt kaum eines den Freiheitsdrang der Gassigeher, Raucher oder spontanen Erntehelfer. Der St. Matthias Garten, diese Meditation in Chlorophyll indessen bleibt intakt.

Ich würde sagen, es sind das gärtnerische Können und der verschwenderische Geist des Projektes, die Respekt gebieten. Hier ist nichts abgezählt und effekthascherisch dekoriert. Sondern hier wird angstfrei gegeben – und entsprechend verantwortlich genossen.

Auch das bedingungslose Grundeinkommen, für das sich am letzten Wochenende 23 Prozent aller Schweizer ausgesprochen haben, und das nach einer Studie des Online Institutes YouGov 73 Prozent der erwachsenen Deutschen prinzipiell befürworten, basiert auf dem Bewusstsein von Fülle und auf Vertrauen. Acht Prozent der Menschen geben zwar an, dann anders als jetzt keiner Erwerbstätigkeit mehr nachgehen zu wollen. Aber wenn statt dessen mehr öffentlich gegärtnert würde, in welchen Bereichen auch immer, wäre das gesellschaftlich kein Grund zur Sorge.

Petra Kohse ist Autorin.

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