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Kanzlerin Angela Merkel denkt nicht an Flucht.

Kolumne

Kanzlerin ohne Fluchtgedanken: Die Welt der Angela Merkel

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Die fast ewige Kanzlerin Angela Merkel wirkt nicht so, als ob sie Fluchtgedanken hätte. Ideen hat sie aber auch nicht. Die Kolumne.

Jetzt ist erst mal fernsehen angesagt. Nach Autogipfel, CDU-Parteitag, Agrar-, Natogipfel und dem Besuch in Auschwitz-Birkenau wird die Kanzlerin sich Zeit auf der Couch nehmen müssen. Arbeitsprojekt: Lerne den alten Koalitionspartner neu kennen. Zum Glück werden Parteitage heutzutage ja live übertragen. Früher war es schwieriger, bei der Konkurrenz reinzuschauen. Und dabei womöglich Ähnlichkeiten zum eigenen Verein festzustellen.

Angela Merkel als Expertin für schwere Ausgangslagen

Nun also: SPD-Parteitag, Ferndiagnose des ihr fremden Führungsduos, mit dem sie bald verhandeln muss. Beißen die oder knurren sie nur? Bringen sie überhaupt Gewicht auf die Waage? Im Grunde ist Angela Merkel Expertin für solche Ausgangslagen. Sie hat ja selbst mal als unterschätzte Rebellin gegen Helmut Kohl die Basisstimmung genutzt. Erfahrung eins: Im richtigen Moment geht in der Politik manchmal Unmögliches.

In Angelas Welt ist die SPD eine von zwei wackeligen Säulen. Knickt diese Säule ein, wird alles noch anstrengender. Angela Merkel ist gefangen im Käfig Kanzleramt, ohne Aussicht bislang auf ein elegantes Ende vor 2021. Für jeden Kanzlerwechsel in der Legislaturperiode fehlt die Mehrheit, an Neuwahlen haben beide Koalitionsfraktionen kein Interesse.

Die CDU ist froh, dass Angela Merkel noch dabei ist

Die Grünen werden ohne Neuwahl nicht in Jamaika-Gespräche gehen. Bliebe als Notnagel eine CDU-Minderheitsregierung. So oder so: weitermachen im Amtssitz, mit oder ohne große Koalition. Viel Arbeit, wenig Power.

Die zweite fragile Säule heißt CDU. Deren Parteitag hat gezeigt, wie froh viele schon wieder sind, dass die Kanzlerin noch da ist. Die spröde Wunschnachfolgerin erreicht die Gefühle nicht. Personalpolitisch ist die Union in der Sackgasse. Mit ihrer mehr rhetorisch als real gestellten Machtfrage hat AKK ein Jahr Zeit herausgeholt bis zur Weichenstellung.

Angela Merkel in der Ruhezone Kanzleramt

Nun wirkt die fast ewige Kanzlerin bei aller Ideenarmut nicht so, als ob sie Fluchtgedanken hätte. In Hongkong hat Pekings Marionetten-Regierungschefin neulich ausgeplaudert, sie würde ja zurücktreten, wenn sie nur dürfte. Bei Merkel ist das eher andersherum: Verbieten kann ihr den Überdruss niemand. Außer sie selbst.

Ob in ihrer Ruhezone Kanzleramt noch mal eine kräftige Idee aufgefunden wird? Dann würde wohl erst mal gefahndet, wie es diese Idee durch die Sicherheitskontrollen schaffen konnte. Erst wenn irgendwann die Geschichte dieser Kanzlerschaft zu schreiben ist, werden all die Mitläufer von heute natürlich brav nicken bei der Passage über die verlorene Zeit am ewig langen Ende.

Nicht alles, was die Partei liebt, kommt auch beim Volk an

Aber ob Angela sich solche finsteren Gedanken zu denken traut, auf der Couch im Angesicht des SPD-Parteitags? Lieber nicht. Sie wird eher überlegen, wie sie es konkret anstellen soll, zwischen genervter CDU-Stimmung, Mikrokosmos Söder und SPD-Duo so zu vermitteln, dass noch ein bisschen Frieden bleibt und AKK nicht noch mehr Schaden nimmt.

Sicher fällt ihr da Erfahrung zwei wieder ein: Nicht alles, was die Partei liebt, kommt auch beim Volk an. 2003 war es, als Angela Merkel als neue CDU-Chefin beim Parteitag in Leipzig eine radikal marktliberale Linie durchwinken ließ. Die Partei jubelte, viele Medien auch. Zwei Jahre später hätte sie das bei den Wahlen beinahe die Kanzlerschaft gekostet.

Vielleicht erzählt sie die Geschichte bald dem neuen SPD-Duo, zur Abschreckung. Ob’s hilft – und wenn ja, wem? Nur aus eigenen Fehlern lernt man wirklich. Was für eine Frau von gestern in einer so bequem unbequemen Lage keine wirklich beruhigende Erkenntnis ist.

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