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Nachhaltiger Urlaub in Indonesien.

Gastbeitrag

Anders reisen

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Vom Klimawandel, den er selbst noch verschärft, ist der Tourismus akut bedroht. Vieles wäre zu tun, aber wie reagiert die Branche?

Die Vereinten Nationen haben 2017 zum internationalen Jahr des nachhaltigen Tourismus erklärt. Damit sollen Urlaubsformen propagiert werden, die ökologisch verträglich, sozial gerecht, kulturell angepasst und wirtschaftlich stabil sind. Doch nach den ersten neun Monaten ist die Welt diesen Zielen kaum nähergekommen.

Papiere wurden entwickelt und Konferenzen abgehalten, aber die drängenden Fragen nach der Verantwortung wirtschaftlicher und politischer Akteure, den Grenzen des Wachstums und der Mitgestaltung des Tourismus durch die Menschen vor Ort hat die Welttourismusorganisation noch nicht glaubwürdig beantwortet. Das wird sich vermutlich auch in den nächsten drei Monaten nicht ändern.

Dabei liegen die Fakten auf dem Tisch: Immer mehr Reisen mit Flugzeug, Auto oder Kreuzfahrtschiff sowie der Beherbergungssektor verursachen inzwischen rund zehn Prozent der globalen Treibhausgas-Emissionen, die zunehmend zum Klimawandel beitragen. Gleichzeitig ist die Branche aber nicht nur „Täter“, sondern auch „Opfer“ der Erderwärmung.

So werden etablierte Badeorte in den Tropen, wie vor kurzem in der Karibik, wiederkehrend von Hurrikanen zerstört. Der Meeresspiegel-Anstieg droht touristisch bedeutsame Inselgruppen, wie etwa die Malediven, unbewohnbar zu machen. Steigende Temperaturen bedingen in Bergregionen ein Schmelzen der Gletscher, etliche traditionelle Skitourismus-Orte kämpfen bereits ums wirtschaftliche Überleben. Sie greifen zu Mitteln wie Kunstschnee-Pisten, die aufgrund ihres hohen Wasser- und Energieverbrauchs das Problem sogar verschärfen. Lange Dürren, große Hitze und Wasserknappheit betreffen Urlaubsgebiete wie den Süden Spaniens oder Portugals.

Vielerorts übersteigt der Tourismus mittlerweile die Grenzen der Belastbarkeit. Das führt nicht nur zum Verlust der Artenvielfalt, zu Wassermangel, Luftverschmutzung und Müllbergen, sondern auch zur Bedrohung von kulturell bedeutenden Städten wie Rom oder Venedig, die längst an die Grenzen ihrer Aufnahmekapazität gelangt sind.

Weitsichtiges Wirtschaften wird hier allzu oft kurzfristigen Gewinninteressen geopfert mit der Folge, dass gering entlohnte Arbeitskräfte für die Gäste schuften und Einheimische immer öfter gegen ausufernde Menschenmassen protestieren. Unsere Studien, unter anderem in Dubrovnik, Angkor Wat und in der Halong-Bucht (Vietnam), bestätigen diesen Befund.

Zwar werben Reiseveranstalter inzwischen mit Nachhaltigkeit und auch die Kunden fordern mehr nachhaltige Reiseangebote. Doch grundlegend wird der Wachstumskurs des Tourismus an keiner Stelle infrage gestellt. So überwiegt der Eindruck, dass eigentlich im Tourismus alles so bleiben könnte – nur ein bisschen nachhaltiger sollte es bitte schön werden.

Um zumindest dieses Minimalziel zu unterstützen, hat eine Allianz aus internationalen Organisationen rund 40 Nachhaltigkeitskriterien entwickelt, die wir in mehreren osteuropäischen Destinationen getestet haben. Die ernüchternde Bilanz: Selbst in Städten, die sich noch in der touristischen Entwicklung befinden, wie beispielsweise in Danzig, Vilnius oder Zadar, werden etliche Kriterien nicht erfüllt.

In den massentouristischen Zentren kann es dagegen nur noch um Schadensbegrenzung gehen. Dort wäre ein Rückbau des Tourismus, beispielsweise durch eine strikte Begrenzung der Bettenzahlen, dringend angeraten. Andernorts können intelligente Lenkungsmaßnahmen helfen, das Natur- und Kulturerbe besser zu schützen.

Nicht nur dafür braucht es gut ausgebildete Fachkräfte. Nur, wer die Fähigkeit besitzt, Probleme nicht nachhaltiger Entwicklung zu erkennen und Wissen über geeignete Lösungsansätze anzuwenden, wird im Berufsalltag entsprechend handeln. Eine von uns durchgeführte Analyse der Tourismus-Lehrpläne an etwa 80 deutschen Berufs- und Hochschulen kommt jedoch zu dem Schluss, dass noch erhebliche Defizite in Bezug auf eine ganzheitliche Ausbildung im nachhaltigen Tourismus bestehen.

Angesichts der Tatsache, dass wachsender Ferntourismus allein aufgrund seiner Ökobilanz schlichtweg nicht nachhaltig sein kann, werden wir uns verstärkt der Frage widmen müssen, wie man von einem „Ferner, Schneller, Öfter“ zu einem „Näher, Länger, Seltener und Intensiver“ kommt. Dies ist auch eine Frage der politischen Steuerung.

Konsequent an ökologischen und sozialen Leitplanken ausgerichtete Angebote der touristischen Leistungsträger vor Ort sowie der Reiseveranstalter wären ein weiterer Schritt. Letztlich wird es aber ohne tiefgreifende Änderungen des Reiseverhaltens der Menschen und einen Verzicht auf endloses Wachstum im Tourismus keine langfristig tragfähige Lösung für die Branche geben.

Bernd Stecker ist Professor an der Hochschule Bremen im Fachgebiet „Nachhaltige Entwicklung in Freizeit und Tourismus“.

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