Leitartikel

Anders helfen

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Westafrikanische Staaten wie Mali benötigen Hilfe beim Aufbau des Landes. Dafür brauchen sie keine Soldaten. Der Leitartikel.

Das Schlammassel ist perfekt, französische Afrikakenner sprechen von „Frankreichs Afghanistan“. In der westafrikanischen Sahelzone hat sich eine Krise von epischem Ausmaß zusammengebraut. Fast täglich schlagen in Mali, Burkina Faso oder dem Niger Dschihadisten zu.

Die von europäischen Soldaten ausgebildeten Truppen der schwächelnden Staaten sind den Angriffen der immer schlagkräftiger operierenden Extremisten nicht gewachsen. Drei der fünf Sahel-Länder drohen zu kollabieren. Bald könnten die Regierungen in Ougadougou, Bamako und Niamey vollends die Kontrolle über ihr Land verlieren.

Wie das vor sieben Jahren in Mali geschah. Damals stellte Frankreich eine Eingreiftruppe auf die Beine, die im Einflussgebiet der europäischen Macht wieder Ruhe herstellen sollte. Sie war zwar anfangs, bei der Vertreibung der Dschihadisten aus den Städten, erfolgreich. Doch inzwischen führen die verbliebenen 4500 französischen Soldaten einen Ermüdungskrieg gegen unsichtbare Feinde.

41 Legionäre starben in diesem Konflikt. Statt eingedämmt zu werden, nimmt die Gewalt dramatisch zu. Entnervt rief Frankreichs Präsident seine fünf Amtskollegen aus der Sahelregion zu einem Gipfeltreffen zusammen: Emmanuel Macron ist mit seiner Geduld und den Möglichkeiten seiner Streitkräfte am Ende angelangt.

Hilfesuchend wendet sich Macron auch an den Nachbarn. Deutschland soll sich künftig im afrikanischen Krisengebiet mehr engagieren und weitere Bundeswehrsoldaten schicken, die sich auch auf „robuste“ Weise in den Konflikt einmischen können. Bisher sind in Mali rund tausend Bundeswehrsoldaten stationiert, die lediglich Blauhelmen ihr mit Drohnen gewonnenes Aufklärungsmaterial zukommen lassen und malische Soldaten ausbilden.

Annegret Kramp-Karrenbauer will sich Macrons Bitte auch nicht entziehen: Die Verteidigungsministerin kann sich gut vorstellen, dass Deutschland diesmal nicht am Hindukusch, sondern am Rand der afrikanischen Wüste seiner „Verantwortung“ nachkommt. Doch zu welchem Zweck?

Wenn selbst die Streitkräfte der ehemaligen Kolonialmacht, die ihren Einfluss in der Sahelzone nicht nur sprachlich zu erhalten wusste, ihre Niederlage einräumen mussten – wie sollte es der sprach- und ortsfremden Bundeswehrs besser ergehen?

Frankreichs Streitkräftechef räumte bereits ein, dass eine militärische Lösung in dem vielschichtigen Sahel-Konflikt ausgeschlossen sei. Warum zieht unser europäischer Nachbar seine Truppen dann nicht lieber ganz ab, wie das immer mehr Westafrikaner auch tatsächlich fordern?

Frankreich verlängere mit seiner Truppen nur „das Leben korrupter Regierungen“, meint der französische Afrikakenner Marc-Antoine Pérouse de Montclos. Alleine die Anwesenheit ausländischer Streitkräfte verschaffe den kraftlosen heimischen Regierungen die nötige Legitimation.

Kein Kenner der Sahelzone zweifelt daran, dass das ungebremste Wachstum der Dschihadisten gute Gründe hat. Sie versprechen den Leuten eine gerechtere Ordnung, eine Beschäftigung als bewaffnete Gotteskrieger oder auch wirtschaftlichen Segen. Viele Extremisten sind in den westafrikanischen Drogenschmuggel verwickelt. Mit militärischen Eingreiftruppen ist aber eine Mafia nicht zu bekämpfen.

Es mag wie ein abgenutztes Mantra klingen. Für das Chaos in der Sahelzone ist in erster Linie die Armut verantwortlich. Bevölkerungswachstum, schlechter Naturschutz und Klimaerwärmung haben die Halbwüste in einen Hexenkessel verwandelt. Um am Leben zu bleiben, schreckt man auch vor Gewalt nicht zurück. Mehr als fremde Soldaten hat die Sahelbevölkerung eine Verbesserung ihrer miserablen Lebensqualität nötig. Doch wie kann das erreicht werden?

Die westafrikanischen Regierungen haben in den vergangenen Jahrzehnten nicht viel getan, um das Leben ihrer Bevölkerung zu verbessern. Vielleicht fehlen ihnen dazu tatsächlich die Mittel – in diesem Fall sind die Gebernationen gefragt. Schließlich haben sie auch ein ganz eigenes Interesse an einem Ende der Krise in der afrikanischen Region: Nur so lässt sich dem Migranten-Strom in den Norden begegnen. Und das ist, neben dem Kampf gegen den Terror, Europas erstes Gebot.

Also helfen. Aber wie? Keinen Sinn macht es, wenn schlecht funktionierenden oder gar räuberischen Regierungen Legitimität und eine helfende Hand gereicht wird. So verlängert man das Unglück nur noch. Die Hilfe sollte also möglichst nicht dem Staat zukommen - höchstens unter strikten Auflagen, die von den afrikanischen Regierungen dann als neo-imperialistische Einflussnahme gebrandmarkt werden.

Am besten wäre es jedoch, der einheimischen Wirtschaft und der jungen, sich bildenden Zivilgesellschaft auf die Beine zu helfen: Allein von ihnen ist eine Verbesserung der Lebensqualität zu erwarten. In der Sahelzone werden Solartechniker, Agronomen, Start-up-Mentoren und Bauingenieure gebraucht – nur eben keine Soldaten.  

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