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In welcher Welt lebt Franz Josef Wagner?

Post an Wagner

Das Paralleluniversum des Bild-Kolumnisten Franz Josef Wagner

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In welcher Welt leben Sie eigentlich, Herr Wagner? Schreiben Sie nicht auch, um gelesen und ernst genommen zu werden? Die Kolumne. 

Eigentlich, lieber Herr Wagner, hätte ich ja nicht gedacht, dass ich Ihnen jemals schreibe. Post an Wagner. Tut man ja auch eigentlich nicht. So von Kolumnist zu Kolumnist. Ehrenkodex, Kollegenschelte, Nestbeschmutzung, Sie wissen schon. Außerdem rauchen wir beide Gitanes ohne Filter, das verbindet.

Wagner schreibt nach Europawahl an die Grünen

Ich will Sie denn auch gar nicht groß grundsätzlich kritisieren. Man kennt Sie ja. Sie hatten schon immer einen an der Waffel. Ich verfolge ihre Kolumnen in der „Bild“-Zeitung seit Jahrzehnten und denke mir häufig: „So einen Knall hätte ich auch mal gerne.“ Aber bei aller Boshaftigkeit: Einen Hauch von Realitätssinn haben Sie doch fast immer irgendwie bewiesen. Beispielsweise, als Sie Nachkriegs-BDM-Göre Eva Herman als „dumme Kuh“ bezeichneten, waren Sie ja nicht weit weg vom Wahren. Die Richter sahen das anders, ich weiß schon. Juristen halt.

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Aber nun mal entre nous, Wagner. Nach der Europa-Wahl schrieben Sie ja in der „Bild“ einen Brief an die Grünen. Ich zitiere: „Ihr habt gewonnen. Alle Papis, die mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. Und auch alle Muttis, die keine Gurken mit Plastikverpackung kaufen. Wer will nicht die Welt retten? Jeder (kleine Zwischenfrage von mir: Wie, jeder will nicht die Welt retten? Egal. Weiter). Aber wie sähe unsere Welt mit den Grünen aus? Kerzen, kein elektrisches Licht, keine Autos, keine Mondfahrt, keine Herztransplantation. Im Land der Grünen wollte ich nicht leben. Herzlichst, Ihr F. J. Wagner“. Soweit Sie, Wagner. Aber jetzt mal im Ernst. Wir alle schreiben doch, weil wir gelesen werden wollen, nicht wahr? Gelesen und einigermaßen ernst genommen. Aber doch nicht damit, Wagner! Für wen schreiben Sie so was? Glauben Sie wirklich, dass es mehr als eine Handvoll Menschen gibt, denen Ihre kruden Zeilen mehr als ein mildes Kopfschütteln entlocken?

Die Grünen im Wagnerschen Weltbild

Ich kann Ihnen versichern, sie gibt es nicht. Weder unter den „Bild“-Lesern, noch – weit schlimmer – unter Ihrer riesigen Kritikerschar. Wagner, wie sieht denn Ihre Welt aus? Wie stellen Sie sich die Menschen in Deutschland vor?

Meinen Sie wirklich, dass nur Sojafresser Fahrrad fahren und alle anderen wie die Wilden auf den Autobahnen hin- und herrasen? Dass alle Grünen-Wähler bei Vollkornkerzen im ungeheizten Halbduster sitzen und laut wehklagend die Mondfahrt und die Herztransplantationen anprangern? Oder anders gefragt: Wo sind Sie denn stehen geblieben?

Mir scheint, in einem Vorgestern, das es so nie gab. So rate ich Ihnen, werter Wagner, gehen Sie mal raus. Gehen Sie an die Luft, und gehen Sie unter die Leute. Schauen Sie dem Volk aufs Maul, wie man es jungen Volontären so gerne rät.

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Dann überlegen Sie sich zeitgenössischere Ziele für Ihre Tiraden. Solche, die uns wirklich zur Weißglut bringen. Triezen Sie uns wieder! Es ist nie zu spät, Wagner, auch im Alter nicht. Sie müssen nur anfangen, dann werden Sie flugs wieder der alte Kotzbrocken, den wir alle so widerlich fanden. Ich wünsche Ihnen nicht uneigennützig viel Glück dabei. Herzlichst, Ihr M. Herl.

P. S.: Ach ja, Wagner, noch was aus der neuen Welt, das Sie verstehen lernen müssen: Bio-Gurken sind im Supermarkt die in der Plastikverpackung. Die normalen sind ohne. Nur so als Wink, damit Sie nicht aus Versehen die falschen kaufen.

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