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Von: Markus Decker

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Ein Soldat der Bundeswehr hält während einer Gefechtsvorführung die Panzerfaust 3 in die Luft. Der russische Überfall verändert den Blick auf das Militärische.
Ein Soldat der Bundeswehr hält während einer Gefechtsvorführung die Panzerfaust 3 in die Luft. Der russische Überfall verändert den Blick auf das Militärische. © Philipp Schulze/dpa

Der russische Überfall auf die Ukraine wird hierzulande das Bewusstsein ändern, mit dem die Gesellschaft im Allgemeinen und die Bundeswehr im Besonderen auf das Militärische blicken. Der Leitartikel.

In den letzten Jahren hat sich die Formulierung eingebürgert, nach dem Ereignis x oder dem Zwischenfall y sei nichts mehr, wie es war. Meist stellten sich derlei Feststellungen dann als voreilig heraus. Letzteres wird sich auch mit wachsendem Abstand zum russischen Angriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022 nicht behaupten lassen. Der Tag verändert die Nachkriegsordnung nachhaltig – und damit auch das Verhältnis von Politik und Militär. Das wird sich in keiner Institution so widerspiegeln wie in der Bundeswehr.

Ja, die Wiedereinführung der Wehrpflicht ist derzeit so unnötig wie ein Kropf. Das weiß auch die kluge Wehrbeauftragte Eva Högl, die jetzt ihren Jahresbericht vorlegte. Die Debatte darüber ist wie stets reflexhaft und entsprechend schnell vorüber.

Für eine Wiedereinführung der Wehrpflicht sind keine politischen Mehrheiten in Sicht. Wehrgerechtigkeit wäre wie schon vor Aussetzung der Wehrpflicht im Jahr 2011 kaum herstellbar. Schließlich könnte die Bundeswehr die vielen jungen Männer gar nicht gebrauchen – anders als der zivile Arbeitsmarkt, auf dem längst ein harter Wettbewerb um den Nachwuchs herrscht. Die Truppe benötigt Klasse, nicht Masse. Gewiss, eine allgemeine Dienstpflicht könnte sinnvoll sein. Das hat aber nichts mit dem Ukraine-Krieg zu tun.

Verändern muss und wird sich hingegen das, was neudeutsch „Mindset“ heißt – also das Bewusstsein, mit dem die Gesellschaft im Allgemeinen und die Streitkräfte im Besonderen auf das Militärische blicken. Plötzlich wird es vom lästigen Beiwerk zur Überlebensnotwendigkeit, die jeder Frau und jedem Mann unmittelbar einleuchtet. Das wird sich tief einbrennen in Köpfe und Herzen von über 80 Millionen Menschen.

Eine breit angelegte Militarisierung steht nicht zu befürchten. Die Deutschen sind nach dem von ihnen verursachten Zweiten Weltkrieg ein durch und durch friedliebendes Volk geworden. Der Erwartung unserer Nachbarn und Freunde, international mehr Verantwortung zu übernehmen, kamen Wählerinnen und Wähler sowie Gewählte in den letzten Jahrzehnten nur widerwillig nach. Der Streit über das Zwei-Prozent-Ziel der Nato legt davon ebenso Zeugnis ab wie jener über die nukleare Teilhabe.

Anlässlich des russischen Überfalls auf die Ukraine dürfte freilich auch dem Letzten klar geworden sein, dass uns und das westliche Bündnis am Ende niemand anderer verteidigen muss als wir selbst. Denn auch wenn der Krieg morgen endet: Das autoritär geführte Russland – ob mit oder ohne Wladimir Putin an der Spitze – wird eine Gefahr bleiben. Ähnliches gilt für China. Für beide gemeinsam gilt es erst recht.

Da in drei Jahren wieder ein unberechenbarer Mann namens Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika sein könnte, hat Europa exakt so lange Zeit, sicherheitspolitisch halbwegs autark zu werden und den Herausforderungen gewachsen zu sein. Selbst wenn AfD und Linke das aus teils unterschiedlichen Gründen anders sehen: Die Überzeugung, dass Deutschland wehrhaft sein muss, dürfte in der Mitte Konsens werden wie noch nie.

Neben dieser Überzeugung braucht es ein Stück jenes Mutes, den uns viele wehrhafte Ukrainerinnen und Ukrainer und nicht wenige freiheitsliebende Russinnen und Russen gerade vorleben. Zuletzt galt es in Deutschland ja allen Ernstes als couragiert, sich Corona-Regeln zu widersetzen. Tausende feierten sich dafür auf den Straßen und tun es bisweilen immer noch. „Frieden, Freiheit, keine Diktatur“, rufen sie da. Nun haben wir vor Augen, was eine Diktatur in einem Nachbarland anrichten kann. Sich dem zu widersetzen und dabei Tod oder Haft in Kauf zu nehmen – das ist Mut. Alles andere ist lächerlich. Bestenfalls.

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