Leitartikel

Für andere

  • Tobias Peter
    vonTobias Peter
    schließen

Der Einzelne muss zugunsten aller zurückstecken, wenn wie in Gütersloh die Zahl der Corona-Fälle steigt. Das gilt auch für Beschränkungen für Reisen. So hart das ist. Der Leitartikel. 

Es ist eine Horrorvorstellung: Die Koffer sind gepackt, der Urlaub soll losgehen – und dann heißt es: „Sie müssen zu Hause bleiben.“ Der Grund: Es gibt im Kreis, in dem man lebt, eine hohe Zahl von Corona-Infektionen. Und deshalb gibt es unweigerlich einen Lockdown.

Ist das fair? Den Urlaub absagen zu müssen, ist bitter. Das gilt erst recht in einem Jahr, in dem es wegen der Corona-Pandemie ohnehin viele Einschränkungen gab. Wir reden ohne jeden Zweifel über eine erhebliche Einschränkung der Freiheit des Einzelnen. Wohl selten haben sich die meisten Menschen so sehr danach gesehnt, einfach mal wieder etwas anderes zu sehen. Und am Ostseestrand oder anderswo ein bisschen die Seele baumeln zu lassen.

Am Ende ist die Frage nach der Zulässigkeit von Reisebeschränkungen für den Einzelnen, derzeit für Menschen aus Gütersloh und Umgebung, dennoch einfach zu beantworten. Wenn jemand aus einem Gebiet kommt, in dem die Zahl der Corona-Infektionen in die Höhe schießt, sind solche harten Vorgaben klug, zumutbar und richtig. Der Einzelne muss dann zugunsten der Gesellschaft zurückstecken.

Der Sinn eines lokalen Lockdowns besteht ja gerade darin, ein Infektionsgeschehen schnell und wirkungsvoll zu stoppen. Wenn diejenigen, die von einem solchen Herunterfahren des öffentlichen Lebens betroffen sind, dann einfach woanders hinfahren, droht genau das Gegenteil: nämlich, dass sich das Virus ungehindert weiter verbreitet. Man muss kein Virologe sein, um das zu verstehen.

Wünschenswert wäre es, wenn die Länder sich auf ein einheitliches Vorgehen verständigen. Wann genau sollen Hoteliers und Ferienwohnungsvermieter Menschen abweisen können? Wann müssen sie es tun? Kann sich der Einzelne darauf verlassen, doch am Urlaubsort bleiben zu können, wenn er einen aktuellen, negativen Corona-Test vorweisen kann? Gleiche, nachvollziehbare Kriterien überall machen eine Absage des eigenen Urlaubs zwar nicht schöner, aber sie helfen, die gesamtgesellschaftliche Akzeptanz für das Notwendige zu sichern.

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) hat vor einer Stigmatisierung von Bürgern der Kreises Gütersloh gewarnt. Eine solche Stigmatisierung wäre in der Tat falsch. Sie droht durch Reisebeschränkungen aber gar nicht. Niemand muss sich dafür schämen, aus dem Kreis Gütersloh zu kommen. Schämen müssen wir uns alle, weil wir vor den unzumutbaren Arbeitsbedingungen von osteuropäischen Fleischarbeiten in Deutschland so lange die Augen verschlossen haben.

Man würde es sich generell zu leicht machen, den Staat, der jetzt punktuell auch Reisebeschränkungen verhängen muss, als übergriffig zu betrachten. Solche Entscheidungen werden gerade dadurch notwendig, dass Bund und Länder sich entschieden haben, die Freiheiten des Einzelnen eben nicht mehr pauschal zu beschränken – sondern nur noch da, wo es im Kampf gegen die Pandemie notwendig ist.

Wer im Kampf gegen die Pandemie das gesellschaftliche Leben generell wieder stärker öffnet, muss im eingrenzbaren Ernstfall hart sein. Sonst drohen für alle unkalkulierbare Gefahren. Dieser Zusammenhang lässt sich nicht leugnen – und er gilt nicht nur in Gütersloh. Auch Eltern sind damit konfrontiert, wenn ihre Kinder wegen eines Infektionsgeschehens nicht mehr in die Schule gehen können, während anderswo unterrichtet werden kann.

„Es ist auch meine erste Pandemie“ – das sagen Politiker und andere gelegentlich, wenn man sie fragt, ob sie im Kampf gegen das Coronavirus alles richtig gemacht haben. Das Coronavirus wird uns immer wieder vor schwierige ethische und gesellschaftliche Fragen stellen.

Wenn sich die Immunität eines Menschen – anders als nach bisherigem Stand der Forschung – mittels Antikörpertest einmal gesichert feststellen lassen sollte, wird dies auch für die Frage eines Immunitätsausweises gelten. Dann stünde der nachvollziehbare Wunsch, Menschen mit Immunität mehr Freiheit zu ermöglichen, gegen das gesellschaftliche Dilemma, dass der Immunitätsnachweis ein Anreiz sein könnte, sich anzustecken.

Von diesen und anderen Fragen hätte man gern mal Urlaub. Aber sie werden uns weiter verfolgen – auch in den Ferien.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare