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Alternativen zu armutsbedingter Migration

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Von: Stephan Exo-Kreischer

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In Afrika brauchen die Menschen wieder einer Perspektive.
In Afrika brauchen die Menschen wieder einer Perspektive. © dpa

Die Bevölkerung Afrikas wächst. Was muss unternommen werden, damit die Menschen eine Zukunft haben? Der Gastbeitrag.

Zwischen 2012 und 2015 ist Afrikas Bevölkerung um 14 Prozent gewachsen. Im gleichen Zeitraum sind die finanziellen Ressourcen für den Kontinent um 22 Prozent gesunken. Diese Entwicklung lässt zwei Szenarien zu: eines, in dem Afrika in nur 17 Jahren über mehr Arbeitskräfte als China oder Indien verfügt und die treibende Kraft der Weltwirtschaft sein wird. Und eines, wo Millionen junger Menschen auf dem afrikanischen Kontinent keine Beschäftigung haben oder ihnen die Fähigkeiten fehlen, um eine zu finden – wo sie frustriert sind und wegwollen oder, schlimmer, anfällig werden für extremistische Ideologien. Wer dies als afrikanisches Problem versteht, hat nichts verstanden.

Afrika wird die treibende Kraft der Weltwirtschaft

Wie kann es gelingen, das positive Szenario zu realisieren? Dazu muss man sich vor Augen führen, aus welchen Finanzquellen sich die Entwicklung Afrikas speist: Eigenmittel, Auslandsinvestitionen und Entwicklungshilfe. Die Eigeneinnahmen der afrikanischen Länder sind die bei weitem größte und wichtigste Finanzquelle. Vor einigen Jahren lag das Volumen der Eigenmittel auf einem Hoch bei 568 Milliarden US-Dollar, ermöglicht unter anderem durch den Boom der Rohstoffpreise. Doch seitdem sind die Einnahmen um fast ein Viertel eingebrochen.

Nach wie vor schaffen es die afrikanischen Staaten zwar, rund zehnmal mehr inländische Mittel zu mobilisieren, als sie an Entwicklungshilfe erhalten – aber die Eigeneinnahmen sind auf einem viel zu niedrigen Niveau und können Entwicklung nur bedingt fördern. Die Mitglieder der Afrikanischen Union (AU) haben Anfang des Jahrtausends zugesagt, zehn Prozent ihres Haushalts für Landwirtschaft, 15 Prozent für Gesundheit und 20 Prozent für Bildung auszugeben.

Finanzquelle Afrikas ist die klassische Entwicklungshilfe

Die Mehrheit der afrikanischen Staaten ist davon weit entfernt. Dass es trotz klammer Kassen geht, zeigen Länder wie Malawi. Es ist zwar ein fragiler Staat und eines der am wenigsten entwickelten Länder der Welt, übertraf aber Zielvorgaben der Finanzierung von Bildung und Gesundheit bei weitem. Dafür sind politischer Wille und gute Regierungsführung entscheidend.

Gute Regierungsführung ist auch entscheidend, um Auslandsinvestitionen anzukurbeln. Mit der Bevölkerungsentwicklung Afrikas bis 2050 auf 2,5 Milliarden Menschen gehen 22,5 Millionen zusätzliche Arbeitskräfte pro Jahr einher, die auf den afrikanischen Arbeitsmarkt strömen. Diesen jungen Menschen müssen Perspektiven geboten werden und dazu sind verstärkte heimische und ausländische Investitionen nötig.

Alternativen zu armutsbedingter Migration

Der Trend der vergangenen Jahre ist allerdings besorgniserregend: 2016 erreichten von jedem global investierten Dollar nur drei Cent den afrikanischen Kontinent. Manche Staaten wie Äthiopien haben ihre Ökonomien diversifiziert und können Erfolge vorweisen: 2015 haben sich dort die Auslandsinvestitionen im Vergleich zum Vorjahr fast verdoppelt. Die Regierung hatte unter anderem aktiv in die Energie- und Straßeninfrastruktur investiert, um das wirtschaftliche Umfeld zu verbessern, und große Industrieparks geschaffen.

Die letzte Finanzquelle Afrikas ist die klassische Entwicklungshilfe: Auf den ersten Blick sieht es hier aktuell gut aus. 2016 wurde mit 140,1 Milliarden US-Dollar ein Hoch an globaler Entwicklungshilfe erreicht.

Auf den zweiten Blick wird jedoch klar, dass gerade die ärmsten Länder von diesem Geld immer weniger profitieren – obwohl gerade hier angesetzt werden müsste. Doch viele Geber haben ihre Entwicklungshilfebudgets für die Versorgung von Geflüchteten im Inland genutzt. Deutschland hat 2016 zum ersten Mal das Ziel erreicht, 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens als Entwicklungshilfe aufzuwenden. Doch wurde mehr als ein Viertel dieser 0,7 Prozent für die Versorgung Geflüchteter in Deutschland ausgegeben.

Alle Regierungen müssen den demografischen Entwicklungen ins Auge sehen – und handeln. Die afrikanischen Regierungen müssen Reformen durchführen, um Stabilität und Investitionssicherheit herzustellen, ihre Einnahmen erhöhen und in die Grundbedürfnisse ihrer Bürgerinnen und Bürger investieren.

Die Regierungen der Geberländer müssen ihre Entwicklungsmittel aufstocken und sicherstellen, dass dieses Geld Armut bekämpft – vor allem in den am wenigsten entwickelten Ländern dieser Welt und in fragilen Staaten. Gerade der neuen Bundesregierung wird hier eine Führungsrolle zukommen.

Noch ist die Gelegenheit günstig, um in Beschäftigung, Bildung und Beteiligung zu investieren und der Generation junger Afrikaner Alternativen zu Extremismus und armutsbedingter Migration zu bieten. Doch das Zeitfenster schließt sich.

Stephan Exo-Kreischer ist Deutschland-Direktor der entwicklungspolitischen Kampagnenorganisation One.

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