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Zu viele Autos auf der Straße: Kümmert sich demnächst die Politik?

Mobilität

Alles nur geträumt?

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Derzeit scheinen sich die Menschen hierzulande still und leise vom Auto zu verabschieden. Oder träume ich das nur? Die Kolumne.

Eigentlich bin ich nicht nur erstaunt, sondern geradezu positiv entsetzt, wenn man das überhaupt so sagen kann. Immer wieder schlage ich seit einigen Tagen meine Augen auf und vermag der Zeitung nicht zu trauen – oder so ähnlich. Sie wissen, was ich meine und merken, dass ich noch immer ganz neben der Mütze bin. Der Grund: Mir scheint, unser Land spielt verrückt! Das wäre normal, das kennt man seit Jahren. Das Novum: Enorm viel von alledem, was da geschieht, stimmt hoffnungsfroh. Damit kann ich schwer umgehen.

Auffällig ist, dass all die kleinen Wunderlichkeiten mit dem Verkehr zu tun haben, sowohl dem Nah- wie auch dem Fern-. Fangen wir mit den Erklärungen mal klein an, und zwar mit Mirakel eins. Seit gut einem Jahr stehen ja überall in den großen Städten kleine Fahrräder, die gegen ein kleines Entgelt jeder benutzen kann.

Kaum einer beschwert sich über SUV

Das ist nicht nur gut, denn die Dinger taugen nicht viel, und sie kamen so plötzlich in so großer Zahl über uns, dass viele sich gestört fühlen. Das ist verständlich, aber auch erstaunlich, dass kaum einer sich über Zigtausende SUV beschwert, wohl aber über bunte Fahrrädchen.

Doch man bedenke, was dieser Veloschwemme vorausgegangen sein muss. Riesige kapitalkräftige Unternehmen sondierten den Markt und mithin die Bedürfnisse der Menschen. Das Ergebnis: Der Bürger ruft nach Rad. Also witterte man ein Geschäft und begab sich zu Werke. Uns sagt das: Da hat eine gewaltige Veränderung in der Gesellschaft stattgefunden, weg vom Automobil. Sie muss nun nur noch in die richtige Richtung gelenkt werden.

Somit wären wir bei Mirakel zwei. Dieser Tage entscheidet das Bundesverwaltungsgericht, ob Dieselfahrverbote rechtens sind. Egal, wie dieses Urteil ausgeht, Tatsache ist: Es wurde salonfähig, ein Wort namens „Fahrverbote“ überhaupt in den Mund zu nehmen. Noch vor wenigen Jahren wäre man dafür als verschrobener Ökospinner gescholten und von alten, zahnlosen ADAC-Veteranen mit „Geh doch rüber“-Rufen überhäuft und mit Peter-Stuyvesant-Schachteln beworfen worden. Ebenfalls ein gigantisches Umdenken binnen kürzester Zeit – weg vom Automobil.

Ein klarer Schritt weg vom Automobil

Womit wir im Sauseschritt bei Mirakel drei angelangt wären. Dieses währt erst wenige Tage lang. Wie die Diskussion so rasch aufkam, weiß ich gar nicht, ich wachte morgens auf – und sie war da. Keine Ahnung, wie lange ich schon an dieser Stelle und anderswo gleichsam als einsamer Rufer in der Wüste nach einem kostenlosen öffentlichen Personennahverkehr krähe. Es sind mindestens vier Jahrzehnte. Und nun diskutieren alle darüber. Sogar über die Einführung meiner so geliebten Bürgerabgabe zur Finanzierung des Ganzen wird ernsthaft gesprochen, ganz konkret in Tübingen. Ein klarer Schritt weg vom Automobil.

Tja, und zu guter Letzt, und das ist Mirakel Nummer vier, scheint die Deutsche Bahn über Nacht zur Vernunft gekommen zu sein. Sie besinnt sich nämlich öffentlich ihrer ureigensten Aufgabe, nämlich des flächendeckenden, preiswerten Transports von Mensch und Material.
Sie überlegt sogar, ohne Rücksicht auf Gewinnmaximierung stillgelegte Nebenstrecken wiederaufzuforsten und Güter wieder mehr auf die Schiene zu bringen – weg vom Automobil. Und ich, ich bin nun gespannt, ob ich das alles nur geträumt habe.

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