Kolumne

Alles geht so weiter, und nichts bleibt, wie es ist

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Von der Angst vor dem Untergang (nicht nur des Fußballs) und was sie mit der neuen Brille zu tun hat. Die Kolumne.

Kurz vor seinem Tod, im Frühjahr 1977, beschlich die große Legende des deutschen Sports, den charismatischen Fußballlehrer Josef („Sepp“) Herberger, ein Gefühl von Endzeitstimmung. „Mit dem Fußball“, sinnierte der damals 80-Jährige, „geht es wahrscheinlich dem Ende zu.“ So habe es auch im alten Rom angefangen. „Die Zeichen des Verfalls sind nicht zu übersehen.“

Drei Jahre zuvor war Deutschland im eigenen Land Fußball-Weltmeister geworden, und für die bevorstehende WM in Argentinien standen die Chancen nicht schlecht, auch wenn es dann anders kam. Aber Herberger sprach nicht vom sportlichen Erfolg. Er fühlte sich im System des modernen Fußballs nicht wohl.

Es ging ihm um zu viel Geld und Geltungssucht. Und überhaupt. Dabei war Sepp Herberger in seiner Spielerkarriere selbst in eine Handgeldaffäre verstrickt, und im Zusammenhang mit der glorreichen Weltmeistermannschaft von 1954 gab es, soweit man heute weiß, handfeste Dopingexperimente. Kein Grund zur Verklärung also. Der Niedergang setzt immer schon sehr viel früher ein, als man sich einzugestehen geneigt ist.

Die römischen Gefühle aber kommen auf, wenn man spürt, dass die Welt, aus der man kommt, sich verändert. Plötzlich geht alles irgendwie zu schnell. Kulturpessimistische Erklärungsansätze sind dann ein Versuch, mit den Mitteln der Reflexion den Überblick zu behalten.

Was aber tun, wenn man es nahezu jeden Tag mit Weltuntergangsgefühlen zu tun hat? Das Bemühen, sich im Digitalen zurechtzufinden, beschert unentwegt narzisstische Kränkungen. Das Misslingen einer Registrierung, die viel zu lange IBAN oder ein vergessenes Passwort konfrontieren den User mit der eigenen Unzulänglichkeit, für die der Philosoph Günther Anders die Metapher von der prometheischen Scham gewählt hat.

Einer Variante des Prometheus-Mythos zufolge hatte deren Held Prometheus als Demiurg die ersten Menschen aus Lehm geschaffen, dabei aber Fehler gemacht. Als prometheische Scham bezeichnet Günther Anders demnach das Verstummen des Menschen vor den Dingen, die er selbst hergestellt hat. Was einmal als profanes Hilfsmittel geschaffen war, erscheint später als göttliches Zauberwerk, und die Menschen sind unfähig, das von ihnen Gemachte noch als das Ihrige zu erkennen.

In der Werbung eines Brillenherstellers wird ein älterer selbstzufriedener Mann gefragt, ob er alles in seinem Leben noch einmal genauso machen würde. Nicht alles, sagt er dann. Seine Brillen würde er heute sofort bei dem Händler bestellen, den Sie alle kennen. Die römischen Gefühle vom anbrechenden Untergang gehen einher mit den Vorstellungen eines Goldenen Zeitalters, an dem man allenfalls kleine Korrekturen vornehmen würde. Das ist, wenn Sie so wollen, das schöne Gegenstück zur prometheischen Scham. Wenn alles getan ist, kann man immer noch ein wenig nachbessern.

Was der Kulturpessimist und der unverbesserliche Optimist gleichermaßen verkennen, ist die Tatsache, dass Kontinuität und Bruch nicht in großen, lange anhaltenden Phasen oder gar Epochen daherkommen. Das Gefühl, dass alles bleibt, wie es ist, geht beinahe einträchtig einher mit der Sorge, von den neuesten Entwicklungen überrollt zu werden. Kein Grund, sich zu schämen.

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