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Citizen Science

Alles forscht

  • VonKarl-Heinz Karisch
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Experimentierbaukästen sind Vergangenheit. Jetzt sollen die Bürger richtig mitmachen bei der Wissenschaft. Gut so.

Unser selbst gebasteltes Kohle-Körner-Mikrofon in der Streichholzschachtel gab im Lautsprecher knisternd quäkende Geräusche von sich, aber es funktionierte. Genauso wie die Klingel oder der Morseschreiber-Telegraf. Mein Schulfreund Wolfgang war stolzer Besitzer des Kosmos-Kastens „Elektromann“, der „120 elektrische Versuche für kleine Leute“ möglich machte. Übertroffen wurde der Elektromann für mein Gefühl nur noch vom „All-Chemist“, der uns Geheimtinte oder Feuerpulver lieferte. Aus Weinresten entstand Schnaps und aus Wasser erzeugten wir Wasserstoff und Sauerstoff. Unzählige Wochenenden wurde so herumexperimentiert, damals, Mitte der 60er-Jahre. In unserer Phantasie standen wir schon in einem echten Labor, bereit, die Zukunft der Menschheit durch Wissenschaft und Technik zum Besseren zu wenden.

Heute sind die legendären Experimentierbaukästen Geschichte. Es gibt ganz neue Herausforderungen für junge und ältere Menschen. Aus den USA und Großbritannien kommt der Begriff Citizen Science zu uns, der als Bürgerwissenschaft auch in Deutschland um sich greift. Eine der treibenden Kräfte ist Johannes Vogel, ein Mann mit gewaltig gezwirbeltem Bart und Generaldirektor des Berliner Museums für Naturkunde. „Wir alle sind als Wissenschaftler geboren“, behauptet er, „wir sind neugierig, wir beobachten, wir sind interessiert.“ Recht hat er. So verfolgen weltweit Bürger mit einer Smartphone-App die Verschmutzung des Nachthimmels durch Licht. Ohne teure Messgeräte wird die Sichtbarkeit von Sternen bestimmt. Rund 2000 Bürger beteiligten sich an der Erfassung der Stechmückenarten in Deutschland. Echtes Heldentum, die Blutsauger durften sich auf die Haut setzen und zustechen, bevor sie gefangen wurden. Auch Schmetterlinge oder unsere rüpeligen Berliner Wildschweine stehen unter der Beobachtung von Schulklassen und Bürgern.

Ist das noch ernsthafte Wissenschaft? Wie belastbar sind die Daten? Das müssen natürlich die beteiligten Wissenschaftler beantworten – und die nutzen die Daten offensichtlich gerne, die sie ohne Bürgerbeteiligung gar nicht hätten.

Neben der harten Faktenwissenschaft ist ein weicher Faktor von ebensolcher Bedeutung. Der direkte Kontakt zwischen Wissenschaft und möglichst vielen Bürgern wird wichtige Diskussionen beeinflussen. Neue Forschungsgebiete sind in der Bevölkerung noch wenig bekannt.

Eine in dieser Woche veröffentlichte Studie der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina und des Allensbach-Instituts zeigt, dass ein großes Vertrauen in die Arbeit der Wissenschaftler vorhanden ist. Aber der Informationsstand beispielsweise zur Synthetischen Biologie, die mit chemisch erzeugten Komponenten biologische Systeme verändert, ist extrem schlecht. Diese Technologie ist aber bereits im Einsatz, es können neue Medikamente und Heilmethoden dabei herauskommen, aber auch unkalkulierbare Risiken auftreten. Darüber muss eine demokratische Gesellschaft diskutieren.

So geordnet wie einst in den Experimentierkästen ist die Welt nicht mehr aufgebaut. Seit 50 Jahren sind Wissenschaft und Technik in einem atemberaubenden Erkenntnistaumel, der unser Leben radikal umkrempelt. Citizen Science ist eine Möglichkeit, daran teilzuhaben und mitzubestimmen, wohin der Zug fahren soll.

Karl-Heinz Karisch ist Autor.

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