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Allein das Risiko lockt

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Von: Stephan Kaufmann

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Der Ölpreisverfall soll in den Verbraucherländern die Konjunktur stützen.
Der Ölpreisverfall soll in den Verbraucherländern die Konjunktur stützen. © dpa

Die Ökonomen der Banken korrigieren ihre jüngsten Wirtschaftsprognosen. Zu viele Ereignisse erschweren ihnen einen realistischen Ausblick. Das Risiko eines Crashs wächst.

Am Ende jedes Jahres bringen Banken und Wirtschaftsforschungsinstitute ihre Prognosen für das neue Jahr heraus. Im Jahresverlauf werden diese Prognosen an die Aktualität angepasst. Auch das Bankhaus Lampe veröffentlichte seine Prognose Anfang Dezember. Das Besondere: Nur vier Wochen später sehen sich die Ökonomen bereits wieder zur Revision veranlasst, da „eine Vielzahl von Ereignissen“ an ihrer Prognose rüttelt. Das ist symptomatisch. Denn die aktuelle Lage der Weltwirtschaft kennzeichnet vor allem eins: allgemeine Verunsicherung darüber, was los ist und wie es weitergeht.

Gründe für Nervosität finden sich rund um den Globus: Der Welthandel stagniert. In der EU kommt der seit Jahren angekündigte Aufschwung nicht in Gang, in den meisten Ländern liegt das Pro-Kopf-Einkommen noch immer unter dem Vor-Krisenstand. In der Euro-Zone bedrohen Wahlen im Klein-Mitglied Griechenland die Stabilität der gesamten Währungsunion. Die deutsche Ökonomie stagniert mehr oder weniger. Die drittgrößte Wirtschaft der Welt, Japan, ist wieder in der Rezession. In den Schwellenländern ist der Boom ausgelaufen, Russland droht sogar ein Staatsbankrott. Einzig die USA zeigen konjunkturelle Stärke, aber der Aufschwung bleibt weit hinter dem zurück, was früher nach Krisen fällig war. Und all dies vor dem Hintergrund stark gestiegener Staatsschulden, die eigentlich ein höheres Wachstum nötig machen würden.

Leitzinsen auf Null Prozent

Hoffnung schürt derzeit der Ölpreisverfall, der den Verbraucherländern Milliardenkosten erspart und so die Konjunktur stützen soll. Das mag schon sein. Global gesehen aber ist das ein Null-Summen-Spiel, weil die Ersparnisse der Verbraucherländer die Verluste der Öl-Produzenten sind, deren Wachstum scharf zurückgehen wird. Zudem kommt der Ölpreisrutsch überraschend. Er ist in seiner Stärke nicht zu erklären und schürt daher die allgemeine Unsicherheit statt zu beruhigen.

Für Ruhe und Aufschwung wollen die Zentralbanken sorgen. In den Industrieländern haben sie ihre Leitzinsen auf Null Prozent gesenkt, den Banken bieten sie Kredit in jeder gewünschten Höhe. Dennoch kommt die Kreditvergabe nicht in Schwung, angesichts der flauen Konjunktur ist der Bedarf nach neuer Verschuldung gering. Das bedeutet: Die potentesten Organisationen der Marktwirtschaft, die Zentralbanken, zeigen sich weitgehend machtlos, all ihr Geld erzeugt keinen Aufschwung. Denn ein Problem, dass nicht durch Liquiditätsmangel entstanden ist, lässt sich durch Liquidität nicht lösen.

Gleichzeitig finden Teile der Zentralbankmilliarden ihren Weg an die Finanzmärkte. Immer mehr Geld ist auf der Jagd nach rentablen Investments, und das in einer Zeit, in der sichere Anlagen gar keinen Zins mehr abwerfen. Die Jagd nach Rendite wird so zu einer Jagd nach dem Risiko. Das treibt die Bewertungen an den Börsen in die Höhe, vor einer Spekulationsblase bei Anleihen und Immobilien wird gewarnt, und angesichts der Aktienbewertungen in den USA kommt die DZ Bank zu dem wenig beruhigenden Schluss: „Das heißt nicht unbedingt, dass es schon im kommenden Jahr zu einem Crash kommen muss.“ Aber kann. Das hängt von der Konjunktur ab – also davon, ob die Realwirtschaft die Spekulationen der Finanzmärkte bestätigt oder enttäuscht. Risiken, Unsicherheit, viel Liquidität – das sind die Zutaten für starke Schwankungen an den Märkten.

Wie sollen sie agieren?

Die allgemeine Unsicherheit macht Prognosen schwierig. Alte Regeln gelten nicht mehr, gewohnte Regelmäßigkeiten stellen sich nicht ein. Wohin geht der Trend? Man weiß es nicht. Die Bank M.M. Warburg macht einen „Strukturbruch“ aus: „Aus einem trendbehafteten Markt ist zumindest zeitweise ein Markt ohne Trendbehaftung geworden.“ Die Unternehmensberatung Ernst & Young stellt fest, dass die „Zeiträume zwischen Auf- und Abschwung immer kürzer werden“.

Die Prognoseunsicherheit schlägt zurück auf Unternehmen und Politik. Denn sie sind für ihre Entscheidungen auf verlässliche Projektionen angewiesen. Wie sollen sie agieren? Angesichts der Unsicherheit gehen die Meinungen derzeit weit auseinander. Beispiel Japan: Die Regierung sieht in ihrer Wirtschaftspolitik die Rettung, Kritiker den sicheren Weg in den Staatsbankrott. Die EU hält ihre Spar- und Reformpolitik für die Lösung aller Probleme. Nobelpreisträger wie Joseph Stiglitz oder Paul Krugman nennen Europas Strategie eine „ökonomische Verrücktheit“. Während die einen auch dieses Jahr auf eine Erholung der Weltwirtschaft setzen, macht der US-Ökonom und Ex-Präsidentenberater Larry Summers mit seiner Theorie einer „säkularen Stagnation“ Furore, und die OECD prognostiziert der Welt sinkende Wachstumsraten bis 2060.

Wie die ganze Sache ausgeht, lässt sich nicht sagen. Die gängigen Autoritäten – Politiker, Ökonomen, Banker, EU-Kommissare – versuchen, Vertrauen zu stiften und den Anschein zu erwecken, sie hätten die Sache im Griff. Als Zuschauer tut man gut daran, mit dem Vertrauen sparsam umzugehen.

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