Ganztagsbetreuung

Alle werden gebraucht

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Noch immer fördert das hiesige Bildungssystem nicht alle Schülerinnen und Schüler ausreichend. Das kann sich der Wirtschaftsstandort Deutschland nicht leisten. Der Leitartikel.

Wenn Regierungschefs, Wirtschaftsführer und auch Vertreter einiger Nichtregierungsorganisationen von Dienstag an in Davos beim Weltwirtschaftsgipfel zusammenkommen, steht eines schon mal vorab fest: Deutschland hinkt in Sachen soziale Aufstiegschancen hinterher. Das ist das bedauerliche Ergebnis einer Studie, die das Forum kurz vor Beginn der Tagung vorstellte.

Es wäre falsch, sich damit zu beruhigen, dass keiner der anderen G7-Staaten besser abgeschnitten hat als Deutschland. Oder damit, dass wir immerhin auf Platz 11 von 82 liegen. Denn die Auswertung zeigt ohne jeden Zweifel: Deutschland ist längst nicht so gut, wie es sein könnte. Insbesondere die skandinavischen Länder – Dänemark, Norwegen, Finnland und Schweden – bieten den Menschen bessere Aufstiegschancen. Ein mittelmäßiges bis schlechtes Zeugnis ist dann besonders ärgerlich, wenn es absehbar ist. Bei einem Schüler ist das dann der Fall, wenn die Lehrer ihn immer wieder auf seine mangelnde Arbeitseinstellung hingewiesen haben, der Schüler aber einfach weitergemacht hat wie bisher.

Mit der deutschen Politik und den Mängeln in Sachen Aufstiegschancen ist es ähnlich: Denn seit dem Schock durch das schlechte Abschneiden Deutschlands bei der Pisa-Studie im Jahr 2001 hat sich gerade auf diesem Gebiet wenig bis nichts geändert.

Die Empfehlungen der Bildungsforscher sind von Anfang an eindeutig gewesen: Baut die frühkindliche Bildung aus! Setzt auf den Ganztag! Die Logik dahinter ist so einfach wie bestechend: Von einer umfangreichen frühen Förderung profitieren zuallererst diejenigen, die zu Hause nicht optimal unterstützt werden.

Das sind Kinder, bei denen die Eltern nicht vorlesen. Es sind Kinder, die kein teures, pädagogisch wertvolles Spielzeug bekommen, sondern viel zu oft vor dem Fernseher abgestellt werden. Und auch Kinder, bei denen zu Hause vielleicht nur wenig oder unzureichend Deutsch gesprochen wird.

Es ist nicht so, dass die Verantwortlichen in den Ländern und im Bund das Problem nicht erkannt hätten. Bildungsforscher kritisieren aber, dass die Reformdynamik in Deutschland in den vergangenen Jahren nachgelassen habe: ein Befund, der sich eins zu eins in den mäßigen Pisa-Ergebnissen von Dezember vergangenen Jahres wiederfindet. Ein wichtiges Beispiel, bei dem es stockt, ist der Ausbau von Ganztagsplätzen an den Grundschulen.

Die große Koalition hat vereinbart, dass von 2025 an alle Kinder in Deutschland von der 1. bis zur 4. Klasse einen Anspruch auf Ganztagsbetreuung haben sollen, an fünf Tagen in der Woche, für acht Stunden am Tag. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) im Auftrag des Bundesfamilienministeriums rechnet jetzt schlüssig vor: Zumindest ein Teil der nötigen Investitionen finanziert sich für den Staat von selbst.

Denn für Mütter – die auch heute in der Regel den größeren Teil der Erziehungsarbeit übernehmen – wird es leichter, überhaupt oder auch eine höhere Zahl an Stunden einer Erwerbsarbeit nachzugehen, wenn Ganztagsbetreuung gewährleistet ist. Diese Frauen zahlen dann auch mehr Steuern und Sozialbeiträge. Sie haben bessere Chancen, sich eine tragfähige Altersvorsorge aufzubauen.

Von zusätzlichen Steuereinnahmen wird in hohem Maß der Bund profitieren. Vielleicht ist das ja ein Ansporn für die Bundesregierung, den Ländern jetzt schnell zusätzliche Mittel für den Ganztagsausbau zur Verfügung zu stellen. Denn eines ist klar: Die zwei Milliarden Euro, die der Bund bislang eingeplant hat, werden nicht reichen. Die Länder können sich nicht auf eine Lösung einlassen, bei der sie auf den Kosten für den laufenden Betrieb allein sitzen bleiben. In Ganztagsschulen dürfen die Kinder nicht nur verwahrt werden. Gebraucht wird ein hochwertiges pädagogisches Programm – mit mehr Personal.

Der gesellschaftliche Gewinn eines solchen echten Ganztags in den Grundschulen lässt sich ohnehin nicht in kurz- und mittelfristigen Steuereinnahmen und Ausgaben messen. In Zeiten des demografischen Wandels und Fachkräftemangels kann Deutschland es sich nicht leisten, Kinder aus bildungsfernen Familien nicht optimal zu fördern. Gleichzeitig benötigt Deutschland mehr und bessere Angebote für das lebenslange Lernen. Wir brauchen jedes Talent. Ohne Ausnahme.  

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