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Kolumne

Alle Schweigen für einen

  • Petra Kohse
    VonPetra Kohse
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Im Privaten gibt es noch viele Fälle wie der von Herrn Hanning. Er wurde im wohl letzten NS-Prozess verurteilt.

Mein Großvater verbrachte sein Leben im Sessel. Zumindest das Leben, das ich kannte: sein Nachkriegsleben von den 70ern an. Meine ganze Kindheit und Jugend hindurch sehe ich ihn sitzen, Bier trinken und Salem No. 6 rauchen. Betrat man das Wohnzimmer, blickte man sofort auf den abgeschabten Cordsessel, drehbar, in dem er saß wie eine Bienenkönigin, umschwirrt von meiner Großmutter, die er gar nicht erst rufen musste, wenn der Aschenbecher geleert oder die Bierflasche ausgetauscht werden musste.

Darüber hinaus war er nicht anspruchsvoll. Er fragte nichts, lächelte auch, brauchte außer Bier und Zigaretten nur „Brisk“, um seine akkurat gescheitelten Haare zu gelen, den Fernseher natürlich – und die Großmutter, die ihn „den Vati“ nannte und seine Stellung in der Welt für ihn freihielt. Holzgetäfelt war dieses Wohnzimmer einer kleinstädtischen Mietwohnung, die Gardinen grobmaschig und vergilbt, Couch, Tisch und Sessel der Lebensmittelpunkt der beiden, die sich wirklich zu lieben schienen.

Ich habe meinen Großvater nie arbeiten gesehen. Erst durfte er nicht und danach ließ er es einfach. Dass er bei der SS gewesen war, erfuhr ich erst nach seinem Tod. Es ergab Sinn. Er war bis 1940 in der „2. Kompanie SS-Pionier Bataillon Dresden“, nach einem Motorradunfall auf dem Feld dann bei der „SS-Pionier Ersatz Kompanie Dresden“ gewesen, schrieb die „Deutsche Dienststelle“ auf Anfrage. 1945 floh er mit seiner Frau und zwei Söhnen in den Westen – und tauchte unter. Die große Narbe am Unterschenkel kannte ich. Sie war die Legitimation, den Sessel nicht zu verlassen. Nur das Autofahren übernahm er noch selbst und fuhr gerne lange Strecken, nach Spanien zum Beispiel, wo die Familie stets Urlaub machte.

Sicher gab es Verwandte und Bekannte, die von seiner Vergangenheit wussten. Diese maskenhafte Zufriedenheit, die er ausstrahlte, lässt sich im Nachhinein als eine Art trotziger Veteranen-Überlegenheit lesen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er, im privaten Kreis darauf angesprochen, die Zeit geleugnet hätte. Dazu kam es nicht. Alle anderen haben für ihn geschwiegen.

Mein Großvater, der 1984 am letzten Tag eines Spanienurlaubs starb, wäre in diesem Sommer 100 Jahre alt geworden. Er war sechs Jahre älter als Reinhold Hanning, der letzte Woche in Detmold zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde, weil er sich als SS-Wachmann in Ausschwitz in mindestens 170 000 Fällen der Beihilfe zum Mord schuldig gemacht hat.

Zu der SS-Division „Das Reich“, deren Angehöriger er 1940 wurde, gehörte auch die Kompanie meines Großvaters. Hanning, der mit seinem noch recht vollen, weißen, in der Mitte gescheitelten Haar rüstiger wirkt als er ist, hat seine Schuld nicht gestanden. In einer persönlichen Erklärung gab er an, sich dafür zu „schämen“, das „Unrecht sehend geschehen lassen“ zu haben. In den 71 Jahren seit Kriegsende hat er sich eine Mitläufer-Biografie zurechtgelebt und ist inzwischen kaum mehr haftfähig.

Wäre das Nachkriegsdasein meines Großvaters hinter Gittern äußerlich anders verlaufen als im Sessel? Nicht wesentlich. Das seiner Familie schon. Das Verfahren gegen Reinhold Hanning mag der letzte öffentliche NS-Prozess gewesen sein. Im Privaten gibt es Tausende, die noch zu eröffnen sind.

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