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Das Gegenmodell des alten weißen Mannes: AKK.

Klischee vom AWM

Der alte weiße Mann und sein Gegenmodell

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Das Klischee vom AWM führt in die Irre. Es lohnt sich, genauer hinzuschauen. Die Kolumne. 

Obwohl ich einer von ihnen bin, habe ich der Kritik an unserer vermeintlichen Omnipräsenz in den wichtigen Positionen fast immer zugestimmt. Es ist nichts dagegen zu sagen, dass alles weiblicher, jünger und divers werden soll. Ich habe in Betrieben gearbeitet, in denen man viel darauf hielt, dass Frauen die Chefs waren. Meistens habe ich davon profitiert, obwohl es seit einiger Zeit nicht mehr zu übersehen ist, dass ich alt und außerdem mit den negativ zu Buche schlagenden Merkmalen Weiß und Männlich versehen bin.

Man versucht halt, damit so gut es geht zurande zu kommen. Wenn ich es mir wünschen dürfte, hätte ich viele Kolleginnen verschiedener Herkunft, aber meine Branche tut sich schwer, ihr Personal nach derlei Gesichtspunkten zu entwickeln. Also werden wir gemeinsam älter und erfreuen uns an den jungen Menschen, die sich zu uns verirren.

Statt dem alten weißen Mann wird Rezo gehuldigt

Dennoch geht mir das stereotype Gerede von den alten weißen Männern allmählich auf die Nerven. Nicht etwa, weil ich mich diskriminiert fühle. Wenn die Floskel in meiner Gegenwart fällt, sind gerade immer andere gemeint. Was immer AWM bedeuten mag: ich vermute dahinter eine große Portion Denkfaulheit. Alter, weißer Mann. Alles klar. Müssen wir gar nicht erst darüber reden.

Der Mechanismus funktioniert auch umgekehrt. Mit einigem Erstaunen habe ich kürzlich zur Kenntnis genommen, wie gestandene Journalistinnen und Journalisten einen Youtuber namens Rezo als neuen Heilsbringer der Meinungsfreude huldigten. Er wurde gefeiert, als reiße ihnen da einer die starre Maske vom Gesicht, die nichts mehr zum Vorschein brachte als den Ausdruck, von sich selbst angewidert zu sein. Dabei hatte Rezo kaum mehr getan, als ein paar linke Gemeinplätze besonders flott zusammen zu mixen.

Was macht die alte weiße Frau?

AKK, die alte weiße Frau von der CDU, die doch gern deren neues Gesicht sein möchte, wusste damit leider nichts anzufangen. Während Leute wie ich womöglich verkannt haben, dass es der Kunstfigur Rezo nicht um den Austausch von Argumenten geht, hat Annegret Kramp-Karrenbauer auf fatale Weise versucht, dem nicht gerade sympathischen Reichweitenmillionär analoge Anstandsregeln beizubringen.

Es ist leider kein erhebender Anblick, der amtierenden CDU-Vorsitzende bei ihrem Versuch zuzusehen, wie sie auf eine ganz konkrete Herausforderung digitaler Machtkommunikation mit den Mitteln eines herkömmlichen Politikverständnisses antwortet. Aber was verändert sich gerade wie?

Instagram, Youtube, Facebook und Co.

In den sozialen Medien wurde vor einigen Wochen fasziniert das Schicksal einer jungen Frau verfolgt, die sich für einige Zeit unter falschen Namen ein sehr luxuriöses Leben ergaunert hatte, ehe sie von einem New Yorker Gericht der Hochstapelei für schuldig befunden worden war. Als gesellschaftliches Phänomen hat Hochstapelei immer dann Konjunktur, wenn das Leben von erhöhter sozialer Mobilität bewegt wird.

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Und wer wollte bezweifeln, dass der digitale Kapitalismus auf dramatische Weise neue Dynamiken entfacht hat? Instagram, Youtube, Facebook und Co. haben einen frei flottierenden Narzissmus entfesselt, in dem jeder nicht nur er selbst, sondern auch ein ganz anderer sein kann. Jeder kann alles wählen, und obwohl er einer vom Aussterben bedrohten Spezies angehört, gewinnt er bisweilen leider noch immer, der alte weiße Mann.

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