Gastbeitrag

Mit Ajsa und Dejana für ein Europa

Europäer müssen mit ihrer Wahl zeigen, dass sie eine gerechte EU wollen. Ein Europa, das globale Herausforderungen mitgestaltet.

Wer sich am 26. Mai überlegt, ob das Wetter nicht doch zu schön ist für einen Vormittag im Wahllokal, den würde ich gerne mitnehmen vor die Tore der Europäischen Union. Wer auf dem Balkan unterwegs ist, erhält ein Gefühl von der Zeit vor dem Schengen-Abkommen, bevor Niederlassungsfreiheit oder freier Warenverkehr zur Selbstverständlichkeit wurden.

Wenn Laster vor der serbisch-bosnischen Grenze in langen Schlangen auf Durchlass warten. Wenn Bürgerinnen und Bürger eines Staates ihren Wohnort nicht nach Belieben wählen können, sondern die ethnische Zugehörigkeit ausschlaggebend dafür ist, wo man sich niederlässt. Wenn die Wirtschaft nicht floriert, weil sich Nachbarstaaten gegenseitig blockieren und Korruption ungestraft bleibt.

Wenn Populisten nicht nur mit leerem Geschwätz aufwarten, sondern die Herabwürdigung der „anderen“, ja sogar der „falschen“ Ethnie schlimme Erinnerungen an wenig verheilte Wunden aus den Balkankriegen der 90er Jahre hervorruft.

Die deutsche Nachkriegszeit kennen die meisten von uns nur noch aus Erzählungen. Aber wir genießen heute das, wofür sich die europäische Idee seither einsetzt: ein Leben, das wir unabhängig von unserer Nationalität frei entwerfen und über sämtliche Ländergrenzen hinweg gestalten dürfen.

Grenzen haben ihre einschränkende Wirkung verloren. Junge Menschen auf dem Balkan wünschen sich weniger Grenzen, dafür mehr Chancen auf freie Entfaltung. Möglichkeiten, die ihnen eine stabile Demokratie und gutnachbarschaftliche Beziehungen bieten könnten. Leider ist beides nicht gegeben.

Daher fördert die Hilfsorganisation Care nicht zuletzt junge Aktivisten, die Veränderung bringen wollen. Die sich einsetzen für eine freie Gesellschaft, in der demokratische Werte gelten, Minderheiten gleichberechtigt leben können und wo sich Engagement und Leistung auszahlen. Sie sind diejenigen, die verkrustete patriarchalische Strukturen aufbrechen, ethnische Ausgrenzung infrage stellen und ökonomische Schwierigkeiten überwinden.

Ich denke an Ajsa und Dejana, zwei junge Roma-Aktivistinnen aus Bosnien. Sie unterstützen Frauen, die häuslicher Gewalt ausgesetzt sind, damit diese ein eigenes Einkommen und damit Unabhängigkeit erlangen. Sie helfen Rentnern durch den kalten Winter. Ajsa und Dejana schaffen Veränderung im Kleinen.

Sie senden auch ein gesellschaftliches Signal aus. Fortschritt beginnt beim Einzelnen, Ideen lassen sich nicht einsperren und ein junges Team mit Gestaltungswillen kann eine Gesellschaft nach vorne bringen. Mit Hoffnung schauen diese jungen Leute nach Europa – oft ein Sinnbild für funktionierende Demokratie und stabile Institutionen. Von Europa versprechen sie sich eine ermöglichende Struktur statt einschränkender gesellschaftlicher und geografischer Grenzen.

Doch wird die EU dieser Vorbildrolle noch gerecht? Wenn ich heute an Europa denke, nehme ich leider eine Sinnkrise wahr, kleinteilige Diskussionen über minder bedeutende Dinge, dafür zu wenig Engagement und neue Ideen für die großen Herausforderungen dieser Zeit.

Während sich viele wieder kleingeistig auf nationale Eigeninteressen beschränken wollen, wartet die globalisierte Welt nicht. Die eigentlichen Herausforderungen werden anderswo abgefangen, Probleme werden vor die Tore Europas abgeschoben.

Die stärksten Folgen des Klimawandels tragen Entwicklungs- und Schwellenländer. Migrationsbewegungen dieser Erde spielen sich in erster Linie außerhalb der EU ab. Auch der Balkan hat sich längst als Transitregion für Menschen auf der Flucht etabliert. Es ist eine externalisierte Krise, die die EU gemäß ihrer eigenen Handlungsunfähigkeit vor die Tore Europas abgeschoben hat.

In der Hoffnung, dass Staaten, die auf eine EU-Mitgliedschaft hoffen, möglichst Ruhe bewahren, wenn nur genügend europäisches Geld ins Land fließt. Das ist weder eine zukunftsorientierte Lösung für Migranten und Flüchtlinge noch für die Bürgerinnen und Bürger in den Balkanstaaten.

Was also können wir derzeit von unseren südöstlichen Nachbarn lernen? Sicherlich den unbedingten Gestaltungswillen, das Gefühl, noch etwas erreichen und verändern zu wollen. Gewohnt an ein Leben in Wohlstand und Freiheit fordern wir nicht mehr das ein, was scheinbar selbstverständlich geworden zu sein scheint: Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Solidarität und Rechenschaftspflicht.

Ich wünsche mir für den 26. Mai Europäerinnen und Europäer, die mit ihrem Wahlzettel zeigen, dass sie ein gerechtes Europa gestalten möchten. Ein Europa, das sich einbringt in die globalen Herausforderungen unserer Zeit.

Verena Allert verantwortet die Projektarbeit der Hilfsorganisation Care in den Ländern des westlichen Balkan.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare