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Analyse

In Afrika beginnt das Tyrannensterben

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Der arabische Frühling hat auch die Menschen in Schwarzafrika inspiriert. Besonders die Jugend wendet sich gegen die Despoten und will die Demokratie.

Einst bevölkerten sie Afrikas Gipfel wie die Murmeltiere das Plateau des Kapststädter Tafelbergs: die sogenannten Big Men, die wie der kongolesische Kleptokrat Joseph Mobutu ihre Bevölkerung aussaugten, wie der zentralafrikanische „Kaiser“ Jean-Bedel Bokassa ihre Feinde Krokodilen zum Fraß vorwarfen oder wie der ivorische „Papa“ Félix Houphouët-Boigny gigantische Kathedralen zu ihrem Ruhm errichten ließen. Bei Gipfeltreffen der Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) suchten sich solch exzentrische Präsidenten mit ihren Possen zu überbieten.

Heute ist es im Club der Potentaten bereits ruhiger geworden. Nach dem erbärmlichen Tod Muammar al-Gaddafis, dem unrühmlichen Ende der Autokraten Zine Ben Ali und Hosni Mubarak sowie der Entmachtung des ivorischen Ex-Präsidenten Laurent Gbagbo schmilzt die Zahl der einst Unberührbaren wie der Schnee auf dem Kilimandscharo weg: Drei von zehn Dauerherrschern, die ihre Bevölkerung seit mehr als zwanzig Jahren drangsalierten, sind bereits Geschichte. Noch immer tummelt sich auf den halbjährlichen Gipfeltreffen der Afrikanischen Union so manches Big-Man-Exemplar wie der simbabwische Ex-Befreiungskämpfer Robert Mugabe, der absolutische Operettenmonarch Mswati III. aus dem bankrotten Bergkönigreich Swasiland oder der vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag des Völkermordes angeklagte sudanesische Präsident Omar al-Baschir. Doch über den meisten der verbliebenen Despoten sieht man schon die Geier kreisen.

Die Gründe des Aussterbens der ungeliebten Gattung scheinen auf der Hand zu liegen. Sowohl die afrikanischen Bevölkerungen wie die internationale Gemeinschaft hätten die Geduld mit den Diktatoren verloren, meint der ehemalige simbabwische Informationsdirektor Bornwell Chakaodza. Zumindest für den arabischen Norden des Kontinents ist das nicht zu bestreiten. In Libyen wurde vorexerziert, zu was der Schulterschluss zwischen frustrierter Bevölkerung und zumindest vorgeblich humanitären Interventionisten in der Lage ist. Auch in der Elfenbeinküste hat vor allem das französische Militär die wahlbetrügerische Rechnung des Big Man Gbagbo durchkreuzt.

Höchst unwahrscheinlich allerdings ist, dass es bald auch in anderen Staaten südlich der Sahara zu Einsätzen westlicher Kampfjets kommen könnte, um versteinerte Autokraten aus ihrem Palast zu bomben. Dafür hat die Mehrzahl der missregierten Staaten zu wenig Öl oder ist globalpolitisch zu unbedeutend. Außerdem kam es in keinem der südlich der Sahara gelegenen Staaten bisher zu Volkserhebungen wie in Tunis, Kairo oder in Bengasi, die ausländische Interessensvertreter zum Anlass einer Intervention nehmen könnte. Als ob den jenseits der großen Wüste lebenden Afrikanern an der Vertreibung ihrer Big Men gar nicht gelegen wäre.

Doch so ist es nicht, meinen die Autoren einer soeben veröffentlichten Studie zu den Auswirkungen des arabischen Frühlings auf den Rest des Kontinents. Nach Auffassung der Forscher des Washingtoner „Afrika-Zentrum für Strategische Studien“ bahnen sich derzeit sehr wohl auch südlich der Sahara tiefgreifende Veränderungen an. Nur vollziehe sich die Entwicklung dort unter ganz anderen Bedingungen und weniger turbulent als in der arabischen Welt.

Auch südlich der Sahara wächst jedoch die Zahl der Menschen, die das Ferment für die sozialen Umbrüche bilden: Junge, ausgebildete Städter, die sich des Internets bedienen, über soziale Netzwerke verbunden sind und deren professionelle Ambitionen von korrupten und verantwortungslosen Führern frustriert werden. Sie wissen von erfolgreicheren Staaten des Kontinents, wie es bessergehen könnte, und fordern als Mitglieder zahlreicher Interessengruppen – Bausteine der wachsenden Zivilgesellschaft – die nötigen Veränderungen ein.

Bislang seien lediglich acht der 49 südlich der Sahara gelegenen Staaten „konsolidierte Demokratien“, rechnet das Washingtoner Freedom House vor. Zwanzig Staaten stünden in Sachen Demokratie noch auf etwas wackligen Beinen. Zehn Nationen zählt das US-Institut zu „halbautoritären“ Staaten, während es sich bei den elf restlichen Ländern um Diktaturen handele (wobei darunter auch Staatsruinen wie Somalia oder umstrittene Fälle wie Ruanda aufgeführt werden).

Diese Liste werde in den kommenden Jahren kontinuierlich umgeschrieben werden müssen, ist der Direktor des Instituts für Sicherheitsstudien in Pretoria, Jakkie Cilliers, überzeugt. Denn Afrika habe eine höchst dynamische Etappe seiner Geschichte begonnen. Einerseits sorge der anhaltende wirtschaftliche Aufschwung dafür, dass der Mittelstand gestärkt und immer umfangreicher werde. Andererseits mache dieser Mittelstand auch seine Forderungen nach Mitsprache, Transparenz und verantwortlicher Regierungsführung geltend. Kein Biotop, in dem die Big Men gedeihen können. Zu fürchten ist allerdings, dass die Tyrannen ebenso wenig wie ihr libyscher Bruder kampflos aufgeben werden.

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