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Es gab eine Zeit, da wollte Alexander Gauland Journalist werden. 

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Die Prinzenrolle des Alexander Gauland

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Alexander Gauland wollte früher mal Journalist sein. Dann wurde er der Prinz der AfD, dann ihr Parteivater. Das Beste hat er damit wohl hinter sich. Die Kolumne.

Einmal Prinz zu sein, wünschen sich die Kölner in einem ihrer Karnevalslieder. Im sonstigen Leben gibt es aber auch Fantasien, die zwar nicht realistisch, aber verlockend sind. Etwas sein zu wollen, weil es besser scheint, einfacher womöglich, jedenfalls angenehmer.

Es ist über drei Jahrzehnte her, da wünschte ein Politiker, einmal Journalist sein zu dürfen, und sei es nur für ein paar Wochen. Es war ein Stoßseufzer, der tief von innen kam. Der Mann stand damals ständig unter Druck. Er leitete die Staatskanzlei in Wiesbaden und sein Ministerpräsident Walter Wallmann war negativ in den Schlagzeilen.

AfD-Mann Gauland war mal Medienmann

Der Mann galt damals als Liberalkonservativer und war Urheber von allerhand intellektuellen Passagen in den Wallmann-Reden. Er stellte sich das Journalistenleben rundum sorglos vor: tagsüber allen möglichen Leuten kritisch nachstellen, dann einen einschlägigen Text abgeben, fröhlich nach Hause gehen und ruhig schlafen. Am nächsten Morgen ein neues Thema ausdenken – und alles beginnt von vorn. Während er im Staatsamt nur Ärger am Hals hatte, kaum etwas wirklich zum Abschluss kam und er all diese Belastungen auch abends und nachts nicht loswurde.

Zu der Zeit war das Internet noch nicht erfunden, insofern ist das damalige Journalistenleben mit dem heutigen nicht ganz zu vergleichen. Doch so skrupellos-dickfellig, wie gestresste Politiker sie sich vorstellen, waren die meisten Journalisten auch damals nicht.

Gauland - Parteivater der AfD

Aber es ist immerhin ein interessantes Gedankenspiel: Alexander Gauland, so hieß der Chef der Staatskanzlei, mal für ein paar Wochen als Medienmann. Zu der Zeit war er noch ohne rechtspopulistische Zuckung, nur ein chronischer Fan der stets national tickenden britischen Politik und Philosophie. Als Journalist hätte er gemerkt, wie wenig Spaß es meistens macht, erfolgsarme Politiker mit kritischen Texten zu drangsalieren. Und dass wahrlich nicht jeden Tag ein schönes neues Thema vom Himmel fällt.

Nun hat er es sich im weiteren Leben tatsächlich leichter gemacht und einfache Antworten den komplizierten vorgezogen. Ist bei den Rechtspopulisten erst ihr neuer Prinz geworden und sieht sich heute als eine Art Parteivater. Die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen wegen ein wenig Steuerbetrug mal außer Acht gelassen: Ob er heute ruhiger schlafen kann, ist nicht überliefert. Doch es steht zu befürchten, dass sich sein Journalismusbild nicht wesentlich gewandelt hat. Nur jetzt ohne die Sehnsucht, mal mit ihnen zu tauschen. Vielleicht träumt er nun ja davon, mal für ein paar Wochen Prinz Staatsanwalt zu sein. Angesehen, mächtig gegen jedermann, unangreifbar.

Prinz Harry in der Prinzenrolle

In Gaulands geliebtem Britannien hat kürzlich ein echter Prinz erklärt, er wolle nicht mehr. Und so ein wenig war Harry Windsors Prinzenleben durchaus vergleichbar mit Gaulands altem Staatssekretärsdasein: lauter langweilige Daueraufgaben und ständig die Medien am Hals. Noch unbekannt ist Harrys Lösungsfantasie für die geplante finanzielle Unabhängigkeit. Nur: Journalist zu werden macht zu diesem Zweck wenig Sinn.

Das Faszinierende an der Prinzenrolle (der echten) ist eigentlich, dass ihre Inhaber vermeintlich Tolles vor sich haben. Doch vielleicht ist es nicht nur im Karneval so, dass jemand, der einmal Prinz war, das Beste schon erlebt hat. Selbst Harry, so scheint es, übt jetzt den traurigen Blick. Und Gauland? Tat sich mit zukunftsfrohem Prinzenlächeln immer schon schwer. Was allerdings – bei objektiver Betrachtung – Politik, Journalismus und Staatsanwaltschaft durchaus und sowieso verbindet.

Richard Meng ist freier Autor und Kuratoriumsvorsitzender der Karl-Gerold-Stiftung.

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