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Sie würde gerne als politische Mitte wahrgenommen und nicht als das, was sie ist - rechtsaußen. 

AfD-Parteitag

Die AfD und ihre Masche: Etwas darstellen, was man nicht ist

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Die AfD gibt vor, weg vom rechten Rand in die Mitte der Gesellschaft zu rücken. Sie versucht also etwas zu sein, was sie nicht ist. Wer soll das denn glauben? Die Kolumne.

Eigentlich, Ihr selbst ernannte „Alternative für Deutschland“ (AfD), hätte ich ja nie gedacht, dass ich irgendwann einmal etwas entdecke, das Euch und mich und Rio Reiser tatsächlich verbindet. Am vergangenen Samstag jedoch war es so weit. Ich saß in meiner Stube und …, aber lasst mich die Geschichte von vorne erzählen.

Sie reicht weit zurück, bis ins Jahr 1986. Ich war damals Pressesprecher des „WAAhnsinn“-Festivals gegen die atomare Wiederaufarbeitungsanlage im bayerischen Wackersdorf, und Rio Reiser trat dort auf.

Was hat die AfD mit Rio Reiser zu tun?

Solltet Ihr nicht wissen, wer Rio Reiser war (was ich Euch zutraue), dürfte Euch der kleine Hinweis genügen, dass er ganz eng mit Claudia Roth war, die Ihr ja gerne und oft unflätigst verunglimpft. Ja, richtig, einer aus Eurer Schublade namens „Linke Zecken“, einer, der heute auf den Mordandrohungszetteln aus Euren Feuchtgebieten ganz weit oben stehen würde.

Das Festival stand auf der Kippe. Lange war nicht klar, ob es stattfinden dürfe, da die CSU schlimmste Randale eigens angereister Vaterlandsverräter mit anschließendem Untergang des Abendlands befürchtete. Am Tag vor der letztinstanzlichen Gerichtsentscheidung waren Rio Reiser und ich zum Live-Interview des Bayerischen Rundfunks nach München geladen.

AfD beißt sich symbolisch auf die Lippe

Uns war klar, und das hatten wir mit allen Veranstaltern abgesprochen: Wir lassen das Ding stattfinden, egal wie das Gericht entscheidet. Und wenn es Rabatz gibt, dann gibt es halt Rabatz. Das sollte aber nicht publik werden, es wäre sonst gewiss sofort verboten worden, und die Polizei hätte die Gegend weiträumig abgesperrt. Also wollten wir uns bei dem Interview zurückhalten und nicht provozieren.

Für Rio schien dies unmöglich. Schon auf der Hinfahrt hatte er unaufhörlich geschimpft, und das ging beim Vorgespräch im Sender gerade so weiter. „Scheiß-Bullen“, „Faschisten von der CSU“, „Kapitalistenschweine von der Atommafia“ waren noch die harmlosesten Liebkosungen.

AfD-Parteitag in Braunschweig: Parallelen werden deutlich

Ich war in großer Sorge. Doch sobald das Mikro offen war, biss sich Reiser auf die Unterlippe und parlierte dann für seine Verhältnisse recht kommod daher – um während der nächsten Musikpause umso heftiger weiterzutoben.

So hielt er es die ganze Sendung durch. Unser Plan ging auf. Das Festival wurde genehmigt und ein Riesenerfolg. Weit über eine halbe Million Menschen kamen, allesamt friedlich. Und der Bau der geplanten Anlage wurde wenige Jahre später abgesagt.

AfD - nicht in der gesellschaftlichen Mitte

Zurück zu Euch, Ihr AfD-Leute. Am Samstag nämlich saß ich vor dem Fernseher und verfolgte Eure Reden auf Eurem Parteitag in Braunau, äh, Braunschweig. Plötzlich dachte ich: da, schau. Denen geht’s wie Rio und mir damals in München. Du sprichst, argumentierst, diskutierst, stundenlang – darfst aber nicht sagen, was Du denkst. Ihr hattet es ja sogar vorher angekündigt. „In die Mitte der Gesellschaft“ wolltet ihr Euch quatschen, weg vom rechten Rand, hin zur möglichen Koalitionspartnerin CDU.

Also mit Ansage etwas darstellen, das man eigentlich gar nicht ist. Das hat funktioniert. Aber ist das die Wahrhaftigkeit, die Vertrauen beim Bürger erwecken soll? Oder andersherum gefragt: Welche Bürgerinnen und Bürger braucht Ihr, um mit dieser tumben Masche längerfristig Erfolg zu haben? Dieses Land ist es nicht, das solche in genügender Anzahl hervorbringt.

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